Spirit Of Eden

Desire
Whispered spoken
In time
Rivers oceans
That ain’t me babe
I’m just content to relax
Than drown within myself

Of mind
Sheltered broken
Denied gifted stolen
That ain’t me babe
Ain’t got a bed of excuse for myself

– Talk Talk, „Desire“

Vor 18 Jahren, an einem golden-sonnigen Tag im Herbst des Jahres 1990 war ich in der Karlsruher City auf meiner üblichen Tour durch die Plattenläden unterwegs, um eventuell irgendwelche Pink Floyd-, Alan Parsons- oder Jethro Tull-Platten ausfindig zu machen, die sich noch nicht in meinem Besitz befanden.

Der eine oder andere geneigte Leser wird sich vielleicht an jene Zeit erinnern – es gab noch kein Internet, es gab noch keine mp3s, es gab kein last.fm und schon gar kein iTunes. Die Möglichkeiten, neue Musik zu entdecken, beschränkten sich darauf, sie von Freunden gezeigt zu bekommen, etwas darüber in Musikzeitschriften zu lesen oder sie im Radio zu hören (freie Radiosender gab es damals so gut wie nicht, und die „großen“ Sender waren auch damals schon ziemlich unterirdisch, aber dennoch weit entfernt von der eintönigen Konsumenten-Verarsche, zu der sie in den folgenden Jahren schließlich mutieren sollten).

An diesem Tag im Herbst machte ich von einer vierten, so gut wie nie auftretenden Möglichkeit Gebrauch… nämlich, eine Platte einfach zu kaufen, weil mir das Plattencover so gut gefiel. Beim Stöbern durch die Plattenregale beim WOM fiel mir eine Platte von einer Band namens „Talk Talk“ in die Hände, deren Covergestaltung mich unmittelbar ansprach und neugierig machte.

Kurz entschlossen kaufte ich das Album. Für 11 Mark und 59 Pfennig (das Album war reduziert weil es sich überhaupt nicht verkaufte, dazu später mehr) konnte man ja kaum was falsch machen… sollte sich die Musik als gruselig herausstellen, so hätte ich immer noch ein schönes Bild.

Es war mir damals nicht klar, aber selten sollte eine spontane Entscheidung von mir eine größere Tragweite haben.

Ich hatte von dem Album noch nie etwas gehört, und Talk Talk waren mir allenfalls ein Begriff wegen der paar Top-10-Hits, die sie in den 80er Jahren mit mehr oder weniger typischer 80er-Jahre-Musik hatten (ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an „Such A Shame“ und „It’s My Life“). Nun konnte ich damals mit den 80ern nicht wirklich viel anfangen, wenn man mal von The Cure und Depeche Mode absah, und machte mich schon allein deshalb auf eine mögliche Enttäuschung gefasst.

Als ich zuhause schließlich die Platte auflegt hatte und die ersten Klänge von „Spirit Of Eden“ meine kleine Wohnung im Hinterhof erfüllten, änderte sich für mich schlagartig alles.

Es war, als hätte jemand in meinem Kopf eine Weiche gestellt. Dies war nicht zu vergleichen mit irgendetwas, was ich vorher jemals gehört hatte, und schon gar nicht etwas, was ich irgendwie hätte erwarten können. Eine einsame, gedämpfte Trompete eröffnet „The Rainbow“ und ebnet einem organischen Fluß an Streichern, Bläsern, Gitarren und Hammond-Orgel den Weg… ein Fluß, der eine zeitlang mäandert, sich dann ausbreitet, nur um wieder teilweise zu versickern. Die ersten Gitarrenakkorde erklingen, langsam, zögerlich aber dennoch bestimmt…

3 Minuten und 25 Sekunden dauert „The Rainbow / Eden / Desire“, der 23minütige Opener von „Spirit Of Eden“, ehe zum ersten Mal die Stimme von Mark Hollis erklingt und die Worte „Oh yeah, the world’s turned upside down“ intoniert. Und genau dies war zu diesem Zeitpunkt seit 3 Minuten und 25 Sekunden mit mir geschehen.

„Spirit Of Eden“ ist keine Musik, die man einer Zeitepoche zuordnen könnte. Es ist nicht 60er, 70er, 80er, 90er oder sonstirgendwas. Und ebensowenig wie sich dieses Album zeitlich kategorisieren lässt, ist eine stilistische Kategorisierung möglich. Klar gibt es auf „Spirit Of Eden“ Jazz-Elemente, deutliche Anleihen an der Musique concrète und dem musikalischen Minimalismus der 60er Jahre, man könnte Teile des Albums als Prog-Rock bezeichnen… aber all dies trifft den Nagel nicht auf den Kopf und könnte im Endeffekt zu der Annahme führen, es handle sich hier um einen wilden Stilmix. Genau das ist aber nicht der Fall. Keines der angesprochenen Elemente steht jemals im Vordergrund, alles ist nur Mittel zum Zweck, alles dient nur der ganz eigenen Atmosphäre, welche dieses Werk definiert.

Das Album ist sicherlich keine leichte Kost. Man muss die Bereitschaft haben, sich diesem Album zu öffnen (kommt das irgendjemandem bekannt vor?)… auf sämtlichen Tracks nehmen Talk Talk endgültig Abschied von traditionellen (Pop-)Songstrukturen. Strophe-Refrain-Strophe ist nicht drin, ebensowenig wie klar definierte Soli oder Bridges. Pianoakkorde werden sekundenlang gehalten, nur um die Stille zu Wort kommen zu lassen, die in der Musik eine ebensogroße Rolle spielen kann wie die Noten an sich. Dissonanzen wallen auf und verebben wieder, Songstrukturen entwickeln sich leise und in zeitlupenartiger Geschwindigkeit, nur um sich im nächsten Moment in ein rasendes Crescendo zu verwandeln, und bei alledem ist kein Ton synthetisch erzeugt, Synthesizer und Sampler sind auf Spirit Of Eden nicht zu finden.

Kurz gesagt, kommerzieller Selbstmord.

Das vorige Album von Talk Talk, „The Colour Of Spring“ (auf dessen Tracks sich teilweise schon deutlich abzeichnete, wohin die Reise gehen würde), hatte EMI noch vier komfortable Top-10-Hits beschert. Da für die Plattenfirma-Bosse eine deutliche Progression der Verkäufe über die Jahre zu sehen war, gaben sie der Band grünes Licht, als diese darum bat, das nächste Album ohne die Einmischung irgendwelcher Musik-Marketing-Krawattis und mit einem nicht begrenzten Budget aufnehmen zu dürfen. Talk Talk waren gerade im Begriff, eine ebenso bedeutende Hausnummer wie U2 und REM zu werden… warum sollte man ihnen also diesen Wunsch abschlagen?

Und so ging die Band hin, und machte zum ersten Mal ganz genau das, was sie wollte.

Man kann sich vorstellen, wie groß das Entsetzen bei EMI war, als Mark Hollis, Paul Webb, Tim Friese-Greene und Lee Harris über ein Jahr später die fertigen Masters ablieferten. Knapp ein Jahr hatte die Band in einer zu einem Studio umgebauten Kapelle verbracht, die Dienste von über 20 Gastmusikern (darunter Größen wie Nigel Kennedy, Henry Lowther und Robbie McIntosh) in Anspruch genommen, eine gehörige Summe Geld verbraten… und ein absolutes Meisterwerk abgeliefert, das im Plattenregal neben Bachs Messe in h-moll stehen kann, ohne daß es sich zu schämen bräuchte.

Nur interessierte das damals ebensowenig wie heute. Fakt war, daß Spirit Of Eden sich so gut wie überhaupt nicht verkaufte, daß man daraus nichts als Single auskoppeln konnte (was EMI nicht davon abhielt, eine geschnittene Version von „I Believe In You“ als Single zu veröffentlichen… die in den Charts ebenfalls kläglich versagte), und daß sich die Investition somit nicht rentiert hatte.

Der Rest ist Geschichte… EMI und Talk Talk landeten vor Gericht, Talk Talk verloren ihren Plattenvertrag (und wechselten auf das Jazz-Label Verve, um dort mit „Laughing Stock“ ein ebenso großartiges letztes Album zu veröffentlichen), und EMI veröffentlichten im Anschluß ein Album mit den abstoßendsten und abscheulichsten Talk Talk Dance-Remixes die man sich nur vorstellen konnte – welches natürlich auch prompt in die Charts schoss, ehe die Band es per Gerichtsbeschluß verbieten ließ.

Warum ich das hier alles schreibe? „Spirit Of Eden“ ist ein Album, das mein Leben verändert hat… und meine musikalischen Ziele. Es hat mich wie sonst nichts beeinflusst, und wenn ich mit meiner Musik bei einem Hörer auch nur ein entferntes Echo dessen erzeuge, was „Spirit…“ damals in mir ausgelöst hat, dann bin ich schon sehr zufrieden (nicht, daß wir mit Botany Bay irgendwie versuchen, Talk Talk nachzueifern… das ginge auch gar nicht).

Man sollte „Spirit Of Eden“ einfach gehört haben.

4 Antworten auf „Spirit Of Eden“

  1. Was mir bei diesem Beitrag gefällt ist die Zeitlosigkeit. Was ja auch die Musik von euch zum großen Teil auch ist. Die Welt kotzt mich an mit ihrem Bestreben nach immer neueren, größeren, dickeren, längeren, usw. Produkten. Es geht ja letztendlich nur ums Geld, nicht war EMI und alle anderen? Ich mag es wenn jemand über einen Vintage spricht, der niemals vergeht. Das man immer wieder kosten, trinken, sehen oder hören und immer wieder etwas Neues entdecken kann. Sowas ist auch Spirit of Eden.
    Deshalb hier einen herzlichen Dank an Dich, dass Du mir (vor einiger Zeit) und den anderen lieben Fans von Botany Bay an dieser Stelle diese wundervolle, ja magische Musik nahelegst.

  2. Immerhin hat die CD eine Digital Remastered Version erfahren und wird auf Amazon ausschließlich positiv besprochen… Hat also wohl ihr Publikum.
    Hab sie mir auch grad nochmal angehört.

    Zum Thema Plattenbosse kann ich nur sagen:

    „It would be better if you gave me nothing at all. This album is less than nothing. I can’t sell this fucking record! I’m gonna lose my fuckin‘ job over this. Do you know why Dre’s record was so successful? He’s rappin‘ about big-screen TV’s, blunts, 40’s and bitches. You’re rappin‘ about homosexuals and Vicadin. I can’t sell this shit! Either change the record or it’s not coming out!“ :D

  3. Das ist so unaufdringliche Musik. Musik, die erzählt. Irgendwie wie 100%ige Schokolade. Die kann man auch nicht auf einmal runteressen (wie Schokoladenjunkies das gerne tun), sondern die muss man Stück für Stück lutschen. Also langsam essen, um sie richtig auszukosten.

    Kein Wunder, dass die bei EMI gekotzt haben! Das ist nichts für die schnelle Mark!

  4. „Either change the record or it’s not coming out!”

    …und hier haben wir auch das Hauptargument dafür, warum man Musik umsonst – oder jedenfalls jenseits jeglicher Industrie – vertreiben sollte. Was nix kostet, muß nämlich keinesfalls nix Wert sein, im Gegenteil, ich will gar nicht wissen, welche Meisterwerke von der Industrie verhindert wurden. Ich habe z. B. eine Clapton-Platte von 1980, welche die Plattenfirma nicht veröffentlichte, eine komplette, supergute, fertig produzierte Platte. Aber nein, da mußte dann Phil Collins als Produzent her und zwei Claptonplatten hintereinander verbrechen, die man einfach nur als Sondermüll bezeichnen kann.
    Ich bleibe dabei – Musik sollte frei sein, in jeder Beziehung.
    Und um mal zu provozieren – Ihr glaubt doch nicht im Ernst, daß Ihr über I-Tunes ein vernünftiges Publikum erreicht?

    Anyway, viel Glück, und vor allem
    luv, stollllllllllllllle

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