Wie es ist

Ich habe es jetzt sehr lange vor mir hergeschoben, diesen Artikel zu schreiben.

Ich würde es am liebsten auch noch die nächsten 6 Monate vor mir herschieben, aber irgendwo sind wir unseren Fans, die uns so lange die Treue gehalten haben, ein Update schuldig – eine Erklärung, wie es bei Botany Bay weiter geht. Und da die anderen noch nicht bloggen, werde ich das wohl tun müssen.

Für die Antwort muss ich leider ein bisschen ausholen.

Wie ihr vermutlich alle mitgekriegt habt, ist mein Vater im Dezember verstorben, nachdem er vier Monate lang schwer krank gewesen war.

Diese Zeit seit August 2012 war eine fürchterlich schwere Zeit, und sie hat bei allen Beteiligten, so auch bei dieser Band, ihre Spuren hinterlassen.

Eigentlich hatten wir einen neuen Proberaum-mit-Studio in Köln angemietet, um im Herbst/Winter 2012 die ganz große NRW-Clubtour starten zu können und dazwischen die eine oder andere Aufnahme für das nächste Album zu machen.

Seit diesem einen schicksalsreichen Tag im August war daran aber nicht mehr zu denken; ich war nur noch zwischen Rhöndorf (meinem Wohnort) und Minfeld (dem Wohnort meiner Eltern) unterwegs, immer mit der Tachonadel am Anschlag, ging gleichzeitig so gut wie möglich meiner hauptberuflichen Arbeit als Softwareentwickler nach und war während all dessen bemüht, nicht die Nerven zu verlieren. Es waren Monate voller Ungewissheit, Schmerz und Komplikationen, die spürbar an Grenzen gingen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.

Dass wir es während dieser Zeit trotzdem geschafft haben, ein Lied für meinen Vater aufzunehmen, spricht für die große Freundschaft und das große Verständnis, das in dieser Band herrscht, und dafür, dass wir uns ohne viele Worte verstehen. Aber mehr als das und drei Sessions bei mir im Wohnzimmer waren trotzdem nicht drin.

Und jetzt?

Jetzt ist mein Vater tot, und ich fühle mich leer und unendlich traurig. Und habe sehr viel zum darüber Nachdenken.

Ich hätte mir für meinen Vater gewünscht, dass er in seinen letzten Jahren glücklich und zufrieden auf sein Leben zurückblicken kann… und natürlich, dass sie nicht so verdammt schnell kommen. Aber wer meinen Vater kennt, der weiss, dass er nicht glücklich und zufrieden war, sondern verbittert, oftmals verzweifelt und zum Schluss immer kränker.

Mein Vater war ebenso ein begnadeter Fotograf wie er ein begnadeter bildender Künstler war. Und ich sage das nicht aus Sohn-Vater-Bewunderung heraus (die war nie so wahnsinnig ausgeprägt), sondern weil’s einfach verdammt noch mal so war. Seine Fotos und Zeichnungen hätten auf Ausstellungen gezeigt werden müssen, sie hätten in Kunstsammlungen hängen müssen. Er hätte unendlich mehr Anerkennung für seine Kunst verdient gehabt, als er bekommen hat. Und das wusste er, und er verzweifelte daran.

Denn gefeierte Künstler, das waren immer nur die anderen geworden. Ex-Weggefährten, Ex-Mitarbeiter und Ex-Freunde. Die, als die Zeit dazu reif war, geschickt einen auf „Multimedia“ machten, oder eifrig in der lokalen Kunst-Schickeria networkten (auch wenn man das damals noch nicht so nannte). Mein Vater war nie einer fürs Networken und sich irgendwo anbiedern, er sagte immer seine Meinung, war sich bis zum Schluss selbst treu, und war in vielerlei Hinsicht viel zu kompromisslos um all zu weit zu kommen.

Das letzte Bild, das es von meinem Vater und mir zusammen gibt. Tausend Dank an Katja für diese Erinnerung.

Ebenso erging es ihm im Beruf. Er hatte Kunsthistorik studiert und war selbständiger Restaurator; zu seinen guten Zeiten gehörten zu seinen Aufträgen der Apothekerturm vom Heidelberger Schloss, alles Mögliche am und im Schlossgarten in Schwetzingen, und mehr Sakralbauten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als ich zählen kann.

Aber irgendwann ging unserem lieben Staat das Geld für Kunst und Kultur aus, und mein Vater liess sich trotzdem nicht beirren: Wenn eine originalgetreue, handwerklich perfekte Wiederherstellung einer Fassade mit den Originalmaterialien 20.000,– € kostete, dann tat sie das nun mal… und die Denkmalämter gaben den Zuschlag dann eben immer häufiger nicht mehr meinem Vater, sondern irgend einem „Restaurations-Experten“ aus ganz-weit-weg, der nicht mal wusste, dass es „Restaurierung“ heisst oder wie man Kunsthistorik buchstabiert, die Arbeit aber für unschlagbare 8.500,– € ausführte. Die Fassade war dann zwar nach bereits einem halben Jahr wieder kaputt und sah nicht mal ansatzweise wie das Original aus, aber man war im Plan geblieben und stand beim Vorgesetzten erst mal gut da.

(Öffentliche Ausschreibungen funktionieren übrigens immer noch ganz genau so, und deshalb haben wir so krasse Katastrophen wie die Elbphilharmonie und den Flughafen Berlin-Brandenburg).

Mein Vater beging den Fehler (oder vielleicht machte er auch genau das Richtige), seine Meinung über solche Vorgänge öffentlich kund zu tun, und er sparte nicht mit Kritik, egal wer sie gerade nicht hören wollte. Und als Dank dafür bekam er in den letzten Jahren so gut wie keine Aufträge mehr, wurde von den Denkmalämtern im wahrsten Sinne des Wortes am ausgestreckten Arm verhungern gelassen und häufte (in Zusammenhang mit der Tatsache, dass er auf einen Anlagebetrüger hereingefallen war) einen gigantischen Schuldenberg an… während er einer der besten Restauratoren in Baden-Württemberg war.

In den letzten Monaten vor seiner schweren Krankheit rief er oft bei mir an und beklagte sich darüber, dass ihm das Leben so übel mitgespielt hatte. Mir tat das fürchterlich leid, aber ich konnte ihm nicht helfen. Und nach einer Weile konnte und wollte ich es auch nicht mehr hören… weil es immer das Gleiche war und ich nichts ändern konnte. Und so ging ich irgendwann einfach nicht mehr ans Telefon wenn ich sah dass er es war.

Jetzt würde ich alles dafür geben, nur noch einmal solch einen Anruf zu bekommen.

Den Anruf anzunehmen und noch mal hinzufahren und für ihn da zu sein.

Aber diese Chance werde ich nie wieder haben.

 

 

Was das alles mit Botany Bay zu tun hat? Mehr als man denkt.

Viele Leute, die meinen Vater und mich kannten, sagen, dass wir uns sehr ähnlich waren. Was wohl eine Tatsache ist, die mich zu gleichen Teilen stolz und ängstlich stimmt.

Denn ich sehe meinen Vater vor mir, wenn ich über Botany Bay reflektiere. Wenn ich enttäuscht und bitter bin, dass es mit Botany Bay nie so richtig geklappt hat. Dass wir so irrsinnig viel gegeben und so lächerlich wenig erreicht haben. Dass ehemalige Unterstützer keine Werbung mehr für uns machen und mir unverblümt sagen: „Ich muss mich halt primär um die Sachen kümmern, die gut laufen„. Dass all die Zoe Leelas und Professor Kliqs und Amanda Palmers dieser Welt in Reviews, Interviews und Artikeln und Blogposts gefeiert werden, während Botany Bay nach 15 Jahren, nach „Grounded“, nach „I’ll send a postcard when I’m there“, nach „Stupid Summer Dreams“ und nach „No Excuse“ immer noch niemand kennt.

Und jetzt reicht es.

Es ist genug. Ich will diese Familientradition nicht fortsetzen. Ich will nicht so enden, das wäre einfach fürchterlich, und deshalb kann es so nicht weiter gehen.

Was wird also passieren?

Wir werden das nächste Album nur für uns aufnehmen.

In unserem Tempo, auf unsere Art und Weise. Nicht für irgend ein Publikum, nicht um irgendjemandem irgendwas zu beweisen, nicht für irgendwelche Top-Ten-Listen, nicht für Likes und nicht für Facebook-Shares und Youtube-Klicks.

Für uns.

Bei früheren Produktionen (und bei „No Excuse“ auf ganz extreme Art und Weise) haben wir den Fehler gemacht, die Musik auf radiotauglich zu trimmen, die Leute nicht zu sehr zu verwirren, keine Experimente und Risiken einzugehen und alles nach dem Motto Botany-Bay-aber-trotzdem-so-kommerziell-wie-möglich zu machen. Teilweise mit einem irrsinnigen Aufwand.

Diesen Ansatz werde ich nicht weiter verfolgen, nie wieder.

Es klingt vielleicht sehr nach Gemeinplatz, aber mir ist letztes Jahr sehr deutlich bewusst geworden, dass das Leben sehr kurz ist, und dass es sehr schnell vorbei sein kann. Wenn das meine vorbei ist, dann möchte ich auf keinen Fall das Gefühl mit ins Grab nehmen, dass meine Musik so viel mehr verdient gehabt hätte und dass die Welt beschissen und ungerecht zu mir war.

Viel mehr möchte ich die Gewissheit haben, dass ich ganz einfach das beste und schönste gemacht habe, was ich tun konnte; dass ich meine Freude daran hatte, und dass ich die Leute, denen es gefällt, damit glücklich gemacht habe.

Und das wird funktionieren, ich weiss es.

Ich weiss es, weil es für „Some Moments“ (das Lied, das wir für meinen Vater aufgenommen haben) bereits funktioniert hat: Der Song ist ungehobelt, roh und zerbrechlich, er hat in der Mitte einen dissonanten Bruch, er hat auf Jamendo nur drei Rezensionen, er hat so gut wie keine Downloads, und das alles ist mir vollkommen scheißegal. Es ist einer der besten Songs, die wir je aufgenommen haben, und einer, mit dem ich sehr, sehr glücklich bin. Und ganz nebenbei lieben ihn diejenigen wenigen, die sich auf ihn einlassen.

Es wird Zeit brauchen, auf diesem Pfad weiter zu gehen. Wir werden uns neu sortieren müssen, und wir werden lernen müssen, uns auf diesem Pfad zu orientieren. Aber wir werden es schaffen.

Im Moment ist bei keinem von uns die Energie dafür da… ich bin nicht der einzige in der Band, der sein Bündel zu tragen hat – irgendwie war das zweite Halbjahr 2012 einfach für uns alle aus ganz verschiedenen Gründen ganz enorme Oberscheiße.

Darum hier ab jetzt keine Deadlines und keine ungefähren Zeitangaben mehr… es ist fertig, wenn es fertig ist, und es wird schön sein, es wird genau so sein, wie es sein muss; es wird so gut sein dass es egal sein wird ob es jemand hört oder nicht. Für Leuten-Gefallen-Wollen-Spielchen ist das Leben viel zu kurz.

Vielleicht werde ich sogar vergessen, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wenn es soweit ist. Das wäre sozusagen mein Maximalziel (⇐ oberbescheuertes Wort).

Apropos No Excuse…: Machen wir uns nichts vor, das Experiment, bewusst keine CC-Lizenz zu verwenden, das Ding kostenpflichtig zu machen und einen richtigen Promoter zu beauftragen, ist nicht geglückt. Im Gegenteil, es hat bedauernswerte Kreaturen aus dem Keller hochgelockt, die besser dort geblieben wären.

Aus diesem Grund, und weil es u.U. eine ganze Weile dauern wird, bis sich hier irgend etwas neues ergibt, stellen wir mit sofortiger Wirkung „No Excuse“ unter BY-NC-ND-Lizenz (Ausnahmen: Die Remixes; diese haben ihre eigenen Lizenzen). Es darf ab sofort zu den Bedingungen dieser Lizenz frei kopiert und verteilt werden, und ihr dürft es auch gern in euerem Podcast spielen.

 

Viel Spaß damit. Wir sehen und hören uns in der Zukunft.