Visionary Man

Irgendwo ist es logisch – wenn der Song, mit dem Botany Bay im 21. Jahrhundert neu geboren wurde, eine lange und schöne Abhandlung verdient hat, dann sollte dem Song, der zum letzten Sargnagel dieses Projektes wurde, zumindest eine ähnliche Ehre zuteil werden. Ausserdem hat es vielleicht eine therapeutische Wirkung, mal sehen….

Vier Freunde und das Ende einer Band

 

Total tolles Bandbild
Die Band.

Die Geschichte von „Visionary Man“ beginnt mit einem Ende, nämlich dem Ende der letzten offiziellen Besetzung von Botany Bay als „Band“. Es war keine schöne Zeit, und ich hab sie schon an anderer Stelle mehr oder weniger ausführlich beschrieben, daher hier nur die grobe Zusammenfassung:

Steffi, Marius, Felix und meine Wenigkeit hatten Ende 2011 damit begonnen, ein neues Album aufzunehmen. Mitte 2012 wurde mein Vater schwer krank. Ende 2012 starb er. Währenddessen und im folgenden Jahr unternahm meine verzweifelte und alkoholkranke Mutter alle Anstrengungen, ihm möglichst schnell hinterher zu folgen. Gleichzeitig war mein Haupt-Brötchengeber am pleite gehen, unsere geliebte Hündin Tia wurde kränker und kränker und starb im Herbst… und dann stieg Steffi aus, weil es die ganze Zeit nicht richtig vorwärts gegangen war.

Das klingt, so wie ich es geschrieben habe, ein wenig hart und herzlos und als ob ich ihr einen Vorwurf daraus mache. Klar war ich nicht begeistert, Tatsache ist jedoch, dass ich es durchaus nachvollziehen konnte… wenn ich unbedingt Musik machen wollte und immer wieder darauf warten müsste, dass das Leben von jemand anders wieder in Ordnung kommt und es gleichzeitig so aussieht als würde es gar nie wieder in Ordnung kommen, dann würde ich vielleicht auch irgendwann die Reißleine ziehen.

Vorher jedoch, in der Woche, in der Tia starb, nahmen wir (Steffi und ich – die Jungs waren vom Erdboden verschluckt) einen letzten Song namens „Gegen die Zeit“ auf – unsere Benefiz-Single für die DKMS, unser erster Song auf Deutsch, und für Steffi eine Herzensangelegenheit, in der ich sie unterstützen wollte, auch wenn gerade alles Scheiße war. Aus irgend einem Grund den ich heute nicht mehr zusammen kriege (ich hab einiges aus der Zeit verdrängt) war es ganz fürchterlich wichtig und notwendig, dass der Song unbedingt in dieser Woche noch fertig aufgenommen und abgemischt wurde. Also taten wir genau das, mit meinem todkranken Hund gleich nebenan.

Das war ein Fehler. Ich hätte das nicht machen dürfen. Klar war es für die DKMS eine tolle Aktion, von Steffi war es ein toller Text und von mir eine schöne Melodie und ein schönes Arrangement und eine schöne Produktion und ein schöner Videoschnitt und ein schön oberstressiger Mega-Aufwand… aber ich hätte diese Tage voll und ganz für Tia und für Frau K. da sein müssen. Jeder weitere Tag zusammen wäre mir unendlich viel wert gewesen. Stattdessen steckte ich meine kaum noch vorhandene Energie in etwas, was im Prinzip eh vorbei war, und das seine Wirkung auch noch eine Woche später entfaltet hätte.

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Tia K., 2009

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22. Oktober 2013,
kurz vor ihrer Einschläferung

Null Freunde und ein toter Hund

Tja, Song und Video wurden zeitnah veröffentlicht, Tia starb, Steffi war weg, und ich begann, zu überlegen, was ich mit dem Trümmerhaufen von halb fertigem Album, vor dem ich stand, wohl anfangen würde.

Ich fragte die Jungs, ob sie Lust hätten, mit mir zusammen plus Gastsängerinnen Botany Bay weiter zu führen.

Die Antwort war „Ja, natürlich“.

Doch dann hatte mal dieser keine Zeit und dann kam jener nicht zum vereinbarten Termin, und nachdem ich zum dritten Mal in Reihe versetzt worden war, mich ziemlich pampig darüber beschwert und als Antwort ein „Stell Dich nicht so an, Du hattest die letzten zwei Jahre ja auch oft keine Zeit“ bekommen hatte… da war der Zeitpunkt erreicht, an dem ich die Nase endgültig voll hatte.

Ich will an dieser Stelle nicht behaupten, dass ich ganz unschuldig an der Situation war, oder dass ich keinerlei Verständnis für meine ehemaligen Bandkollegen habe – jeder einzelne hatte seine guten Gründe für sein Verhalten.

Nur ich eben auch. Und zwar mal so richtig.

Ich leitete also eine Vollbremsung ein. Das Album, so war mir nun klar geworden, würde ich nicht fertig kriegen. Natürlich, mit neuem Gitarristen und neuem Bassisten und sonstigen Gästen hätte man es irgendwie hingekriegt, aber nicht das homogene und in sich geschlossene Gebilde, das ich mir immer so schön vorgestellt hatte.

Eine ganze Weile saß ich danach in meinem Türmchen in der K-Burg und leckte meine Wunden.

Es ist nicht schön, ein Album aufgeben zu müssen. Ich persönlich hatte das sehr zweifelhafte Vergnügen ja schon einmal gehabt, und dieses Mal tat es nicht weniger weh. Wie schon damals mit „Stupid Summer Dreams“ produzierte ich auch dieses Mal ein Album mit den verwertbaren Resten, das unter dem Titel „In Between Years“ auf bandcamp veröffentlicht wurde.

Im Gegensatz zu „Stupid Summer Dreams“ (wo wir immerhin noch in einigen Online-Charts vertreten und Gegenstand etlicher Blogartikel gewesen waren) hielt sich das Interesse in den sozialen Netzwerken dieses Mal in sehr engen Grenzen… ein Zeichen dafür, wie sehr es in den letzten zwei Jahren bergab gegangen war mit Botany Bay, und natürlich auch dafür, dass Facebook sich für Nischen-Künstler wie Botany Bay immer weniger als Ankündigungs- und Verbreitungsplattform eignet, aber das ist ein anderes Thema.

Nadine To The Rescue

Es dauerte eine Weile bis ich wieder neue Musik schreiben wollte und/oder konnte.

Schließlich lernte ich Nadine Wahl kennen, ihres Zeichens Sängerin, Bloggerin und außerordentlich geniales menschliches Wesen, die durchblicken liess, sie hätte Lust, für mich zu singen. Und oh Wunder, schon bald war ein komplett neuer Song am Entstehen.

Ich hatte in letzter Zeit oft über meinen Vater nachgedacht… wie er gewesen war, und was eigentlich geschehen war, das ihn zu dem verbitterten und hoffnungslosen Mann gemacht hatte, als der er starb. Und es lief mir immer öfter eiskalt den Buckel runter, desto mehr beängstigende Parallelen ich zwischen seinen und meinen Erfahrungen entdeckte.

Als mein Vater jünger war, hatte er immer wieder neue Freunde/Mitarbeiter/Kollegen um sich geschart, mit denen zusammen er Großes vor hatte, auf deren Loyalität er vertraute und baute, und die ihn so gut wie alle früher oder später im Stich ließen um ihre eigenen Interessen zu verfolgen… meistens, nachdem sie ihn vorher nach Strich und Faden ausgenutzt hatten, persönlich und monetär.

Dem/der wird es irgendwann noch soooo leid tun, und dann kommt der/die zurück„, pflegte er dann immer zu sagen, und natürlich kam nie irgendjemand zurück, und es tat auch niemandem leid… obwohl es so einige Menschen gibt, die meinem Vater sehr viel zu verdanken haben. Bis zum Schluss beklagte er sich darüber… und in der Rede, die der Pfarrer der Familie diesen Dezember beim Begräbnis meiner Mutter hielt, ging er nochmal auf die fürchterliche Tragödie ein, dass sich meine Eltern mehr als einmal auf die falschen Menschen verlassen hatten.

Wie gesagt. Ich bekam Gänsehaut, als mir die Parallelen klar wurden. Tja, und darüber schrieb ich einen Song.

„All Good Things“ handelte ebenso von meinem Vater, wie er von mir selbst handelte. Tatsächlich brachte uns der Song nochmal zusammen, so nah, wie wir im Leben nur sehr selten zusammen gewesen waren.

Ich reaktivierte das Recording-Türmchen der K-Burg und verbrachte ein paar Nächte damit, hintereinander sämtliche Instrumente für den Song aufzunehmen, um Nadine dann eines Morgens ein erstes Demo zu schicken.

Schon am nächsten Morgen erhielt ich von Nadine eine äußerst schöne und gelungene Gesangsspur zurück… wir schickten uns ein paar Sachen hin und her, ich machte ein paar Anpassungen am Arrangement, und nach weniger als zwei Tagen hatten wir eine erste vorzeigbare Version des Songs. Ich musste nur alles schön zusammen mischen, und konnte den Song am gleichen Abend noch auf meinem Soundcloud-Account online stellen. Ich war sehr zufrieden, Nadine hatte genau den richtigen Ausdruck getroffen, und ihr Vortrag hatte etwas überaus frisches, natürliches, und lebendiges… was bei Botany Bay in dieser Form schon lange nicht mehr da gewesen war. Und was noch viel wichtiger war, wir verstanden uns auf Anhieb prima, hatten viele weltanschauliche Überschneidungen (deren Fehlen in der letzten Besetzung teilweise ein gigantisches Problem gewesen war)… nun ja, es fühlte sich einfach richtig an.

Ebenso wie es sich richtig anfühlte, einen Song über die Kleinert’sche Krankheit zu schreiben… richtige Freunde nicht zu erkennen, und sich allzu oft den falschen anzuvertrauen.

 

Unerwartete Erfolge

Ich bewarb das Teil auf Facebook (wo meine sogenannten Freunde es mehr oder weniger vollständig ignorierten), ich erwähnte es auf Twitter (was eh schon immer nahezu sinnlos war was meine Musik betraf)…

…und dann verlinkte ich es noch auf Diaspora, wo es unerwarteter Weise vollständig durch die Decke ging.

Ich weiss bis heute nicht, was da genau passiert war, aber das Lied wurde zigdutzendfach ge“liked“ und geteilt und kommentiert wie sonst noch was, der Play-Count auf Soundcloud sprang innerhalb weniger Tage auf über 500 (in Worten: Fünfhundert, und zum Vergleich: Jeder andere Song von mir, und sei er noch so gut und perfekt, braucht im Durchschnitt ein Jahr, bis ihn 100 Leute gehört haben), und dabei darf man nicht vergessen, dass Diaspora eher ein Nischen-Netzwerk ist, das nur einen ganz kleinen Bruchteil der Nutzerzahlen von Facebook erreicht. Auf Facebook ist es durchaus normal, wenn Ische398 ein schlechtes Badezimmerspiegelselfie von ihrer tollen neuen Frisur teilt und das dann am nächsten Tag 48 Leute aus welchen Gründen auch immer toll finden, aber auf Diaspora ist so was die Ausnahme.

An dieser Stelle muss ich zugeben: Das tat richtig verdammt gut.

Nach allem was passiert war. Inzwischen ist mir klar, dass es ein großer Fehler war, aus dem Zuspruch von damals so viel Motivation und Kraft zu ziehen, aber damals wusste ich das nicht, und ich wurde richtiggehend betrunken davon. Die Erkenntnis, dass wohl doch einige Menschen daran interessiert waren, dass ich weiterhin Musik machte… und die Tatsache, dass ich mit Nadine eine Sängerin gefunden hatte, die sowohl mit meinen Kompositionen als auch mit meinen gesellschaftlichen und politischen Ansichten sehr gut harmonierte, löste meinen Writer’s Block in Windeseile auf.

In nur wenigen Tagen schrieb ich gleich ganze fünf neue Songs: „Atlas“ (über Mutter Erde, über Neokonservatismus, über die Occupy-Bewegung, über die 1% ,die unbeirrt weiterhin den Planeten gegen die Wand fahren… und warum es sich trotzdem lohnt, dagegen zu kämpfen), „Listen“ (über Ed Snowden, über seine Enthüllungen, und darüber was das eigentlich für eine kaputte Welt ist, wo sich so ein Mensch in Russland verstecken muss, statt dass eine Regierung voller Scham geschlossen zurücktritt), „Kim Went Shopping“ (über soziale Netzwerke im Allgemeinen und Facebook im Besonderen… und über all den Scheiss, von dem sich die Menschen voller Begeisterung berieseln und betäuben lassen, statt sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern), „Tati, Henri, Gerard“ (über Freundschaften, die man sich sehnlich wünscht, die es aber nur in Jugendbüchern zu geben scheint) und „Visionary Man“ (zu dem kommen wir gleich, versprochen)

Wie man sieht, das wäre ein ziemlich politisches und gesellschaftskritisches Album geworden, und eines mit ganz vielen Dingen, die ich schon immer mal sagen wollte, mit der letzten Botany-Bay-Besetzung aber aufgrund band-interner weltanschaulicher Differenzen nicht sagen konnte, ohne es vorher endlos auszudiskutieren und abzuschwächen und dann wegzuwerfen weil es eh nicht mehr das war was ich wollte.

Leider hatte ich da einen großen Fehler gemacht, und dieses Mal bin ich tatsächlich vollständig selbst schuld. Ich war irgendwie davon ausgegangen, dass wir wie mit „All Good Things“ einfach weiter machen würden. Nadine hatte dazu aber keine Zeit, und sie war auch nicht bereit, Vollzeit-Sängerin bei Botany Bay zu werden.

Zu „Atlas“ bekamen wir noch eine grobe Demo hin, dann wurde der Kontakt mehr und mehr sporadisch, und dann erst fiel mir mein Fehler auf. Mea Culpa. An dieser Stelle muss ich nochmal deutlich sagen, Nadine trifft keinerlei Schuld, ich hatte in all meiner Begeisterung eben angenommen, es würde so weitergehen, ohne das jemals kommuniziert zu haben… aber Nadine hatte keine Zeit, die neue Mrs. Botany Bay zu werden, und natürlich muss ich das respektieren.

 

Der Anfang vom Ende

Ich ging also ganz schnell zurück zum ursprünglichen Plan – Botany Bay mit wechselnden Gästen weiter zu führen. Zu diesem Zweck nahm ich Kontakt mit einer Person auf, die wir für den Rest dieses Artikels einfach mal „X“ nennen wollen.

Ich hatte X. bei einer Probe im Chateau d´If (unser zeitweiliger Proberaum in Köln und einer unserer größeren Fehler) kennengelernt. Damals war Steffi noch Sängerin gewesen, und X. hatte Interesse angemeldet, für Gast- und Backing-Vocals zur Verfügung zu stehen. Zeit, das Vorhaben in die Tat umzusetzen.

X. hatte wie Steffi eine eher soulige Stimme, und unglücklicherweise waren die meisten meiner neuen Lieder eher mit Nadines natürlicher Folk-Stimme im Hinterkopf geschrieben worden. Aber wenn man „Visionary Man“ in einer anderen Tonart neu arrangieren würde, dann könnte das ganz gut passen. Ich tat also genau das.

Rückblickend muss man sagen, ich hätte eigentlich darauf kommen können, dass mit diesem Song alles schiefgehen musste. Es gab genug Vorboten der kommenden Katastrophe.

Das fing schon beim Songtext an. Die Schablone für die eher bedauernswerte Gestalt, die auf „Visionary Man“ besungen wird, war eine reale Person, für die zu arbeiten ich vor vielen, vielen Jahren einmal das ausserordentliche Missvergnügen gehabt hatte. Und auch wenn der Song schön in meine gesellschaftskritische Linie passte, dachte ich mir beim Schreiben mehr als einmal: „So einen Song hat der Idiot gar nicht verdient“.

Tja, und dann war da die Arbeit mit X. Vielleicht standen einfach die Sterne ungünstig, oder sonst irgendwelche Schwingungen stimmten nicht, aber es gibt tatsächlich wenige Menschen, die es sich mit mir in kürzester Zeit auf so vielen Ebenen gleichzeitig verschissen haben.

Schon bei der ersten Session wurden Star-Allüren an den Tag gelegt, die man sich meiner Ansicht nach erst mal hätte verdienen müssen. Als wir abends vor spontan bei mir eingetroffenem Besuch ein ebenso spontanes kleines Konzert gaben und den Song vorstellten, da redete sie mich schon an die Wand und erklärte meinen Besuchern, worum es in dem Song ging und warum das alles ganz toll und wichtig ist und was wir damit noch zu tun gedachten.

Nun habe ich echt nichts dagegen, wenn sich Leute einbringen. Doch es gibt einen Unterschied zwischen sich-einbringen und penetrant so tun als wäre man etwas, was man (noch) nicht ist. Erschwerend kommt hinzu, dass schon bei der letzten Inkarnation von Botany Bay die Öffentlichkeit geglaubt hatte, es handle sich um eine Band, obwohl tatsächlich ich den Großteil der Arbeit gemacht hatte. Ich bin nicht eitel, aber irgendwann nervt es – Insbesondere wenn alle aussteigen und man auf einem Trümmerhaufen sitzt. Diese erste Session hinterließ also einen bitteren Geschmack.

Doch es sollte noch bitterer kommen.

Ein Foto aus den "Visionary Man"-Sessions. Ohne X. X. ist abgeschnitten.
Ein Foto aus den „Visionary Man“-Sessions. Ohne X.

 

Fettnäpfchen-Parade

Irgendwann waren wir mit dem Lied so weit dass wir nur noch eine letzte Aufnahmesession brauchten. Wir verabredeten uns also ins Recording-Türmchen der K.-Burg für eine letzte Visionary-Man-Session.

Für das Artwork zur neuen Single hatte ich vorher bereits elektroll-art beauftragt, der auch schon das Cover zum nie veröffentlichten letzten Album (das den Titel „B“ gehabt hätte) gemalt hatte. Aber ich wollte auch ein paar Fotos haben, und so sollte sich an diesem Tag auch meine Lebensgefährtin Frau K., ihres Zeichens erstklassige Fotografin und überhaupt der allernetteste und tollste Mensch den man sich überhaupt nur vorstellen kann, zu uns gesellen.

Es fing damit an, dass wir den ganzen Nachmittag + Abend für die Session eingeplant hatten, und X. einfach nicht auftauchte. Keine Absage, keine SMS, keine Mail, einfach gar nix.

Ich versuchte, sie anzurufen. Keine Antwort.

Nach einer halben Stunde schrieb ich ihr eine SMS. Keine Antwort.

Eine Stunde später schrieb ich noch eine. Keine Antwort.

Nach einer weiteren Stunde schrieb ich noch eine und liess durchblicken dass ich das echt beschissen fand, mein Tag jetzt im Eimer war, und ich so eigentlich nicht arbeiten wollte. Eine halbe Stunde später war sie endlich da. Insgesamt also drei Stunden zu spät.

Fettnäpfchen Nummer eins.

Haha, sowas, ich hab gestern so viel getrunken… echt… ich hätte es kaum noch geschafft… hahahahaha„, war ihre Erklärung.

Fettnäpfchen Nummer zwei.

Ich erklärte ihr dass ich ihr gerade ne ziemlich beleidigte Nachricht geschrieben hatte, worauf sie entgegnete, „ohoooo, dann ist es ja gut, dass ich die noch nicht gelesen habe, hahahahaha„.

Fettnäpfchen Nummer drei.

Spätestens da hätte ich das Projekt „Visionary Man“ abblasen müssen.

Doch ich machte weiter, ich wollte ja schließlich meine Fans auf Diaspora nicht enttäuschen, und ausserdem waren wir schon so weit gekommen.

Dann wurde X. klar, dass wir ein paar Fotos machen wollten, und der Zeitpunkt war gekommen für einen neuerlichen Starallüren-Blitzkrieg: „Was? Fotos? Also… also, nein, da weiss ich ja nicht… nee, das geht ja nicht, erstmal muss ich die alle sehen, die meisten Fotos von mir sind nämlich wirklich schlecht, also ich weiss ja nicht […]„.

An dieser Stelle muss man eine Klammer aufmachen und etwas über die Fotos von Frau K. sagen. Frau K. fotografiert seit sehr, sehr vielen Jahren Menschen, und zwar mit großem Erfolg. Und zwar tut sie das auf eine ganz eigene, natürliche und schöne Art und Weise, die sehr vielen anderen Fotografen und Hobbyknipsern vollständig abgeht. So gut wie alle sind zufrieden mit den Ergebnissen, und Frau K. hat es schon mehr als einmal geschafft, Menschen ernsthaft und nachhaltig für Fotografie zu begeistern, deren vorige Erfahrungen mit dem Medium allenfalls blöde Partyfotos auf Facebook gewesen waren. Aber wenn es eines gab, was sowohl Frau K. als auch ich nicht mehr ertragen konnten, dann war es dieses aufgesetzte ‚Was? Fotos? Von mir? Neeee, ich weiss nicht, die muss ich alle sehen, ich mag das nicht, nur wenn ich sie selbst mache, vor dem Badezimmerspiegel, hähähähä, wisst ihr‘, das uns schon ungezählte Male entgegnet worden war. Wir hatten das schon damals Ganz. Fürchterlich. Satt. Klammer zu.

Will also sagen, Fettnäpfchen, Special Edition, Nummer vier.

Obwohl uns zu diesem Zeitpunkt eher danach war, sie in der Luft zu zerreissen, überzeugten wir X. also davon, es mit den Fotos (die übrigens letzten Endes nie veröffentlicht wurden) mal auszuprobieren. Als sie die ersten Ergebnisse auf Frau K.s Kameradisplay sah, war sie auch vollständig beruhigt, und wir konnten uns in Ruhe an die Fertigstellung ihrer Gesangsspur machen, während es draussen dunkel wurde.

Als wir fertig waren erklärte ich meine Absicht, das Lied nochmal gründlich abzumischen und dann sobald wie möglich zu veröffentlichen, mit einem kleinen Text im Blog, wo ich das Lied und X. als Sängerin vorstellen würde.

Darauf X.: „Ach so? Das will ich dann aber noch mal sehen, ob das so in Ordnung ist. Da hab ich ja wohl ein bisschen mitzureden, ich will ja nicht dass da irgendwas steht, ich hab ja auch noch eine Karriere, die will ich nicht in Gefahr bringen […]“

An dieser Stelle muss man eine Klammer aufmachen und etwas über dieses Blog sagen. Langjährigen Besuchern dieses Blogs ist vielleicht aufgefallen, dass ich irgendwann, nachdem Steffi bei Botany Bay eingestiegen war, meine Aktivitäten auf diesem Blog sehr zurückgefahren habe. Grund dafür war, dass Steffi und ich nicht immer einer Meinung waren, was die Musikindustrie, künstlerische Selbstverwirklichung, Castingshows, Moses Pelham, die Piratenpartei und sonstige weltanschauliche Dinge anging. Und da Steffi Angst hatte, dass es ihrem Bild in der Öffentlichkeit schaden könnte, wenn ich einfach Dinge schreibe, die sie nicht so sieht, einigten wir uns irgendwann darauf, dass ihr alles, was ich im Namen der Band bloggen würde, noch mal zur Genehmigung vorgelegt werden würde. Eine eigentlich recht logische Idee, die mich aber trotzdem nach kurzer Zeit schon derart enorm ankotzte, dass ich es vorzog, einfach nichts mehr zu schreiben. So sehr ich traurig war dass Steffi Botany Bay verließ – ich war sehr froh gewesen, das Blog wieder für mich zu haben. Dass X. jetzt auf die Idee kam, lautstark ein Mitspracherecht einzufordern… nun ja, ich war überhaupt nicht begeistert.

Will also sagen, Fettnäpfchen, Super Limited Ultimative Edition, Nummer fünf.

 

Der Untergang

Als X. an diesem Abend ging, da war mir schon klar, dass sie nie wieder für mich singen würde, und ich glaube/hoffe, ihr war es auch irgendwo klar.

Trotzdem, ich hatte schon so viel Arbeit in Visionary Man gesteckt und die Fans auf Diaspora so lange auf dem Trockenen sitzen lassen, dass der Song einfach fertig werden musste. Ich verbrachte also die Nacht mit der Abmischung, lud den fertigen Song am nächsten Morgen auf meinen Soundcloud-Account, erstellte einen Eintrag auf diesem Blog dazu (gebt euch keine Mühe, schon lange wieder gelöscht) und verlinkte die Sache auf Facebook, Twitter und Diaspora.

Nachmittags dann: Keine Reaktion. Nirgends. Facebook null, Twitter null, Diaspora nix, der Song auf Soundcloud: 10 Plays.

Abends: Auf Diaspora 2 Likes und 1 Share.

Hm ja, nicht so ganz das, was ich mir erhofft hatte.

Ich fragte auf Diaspora mal in die Runde was eigentlich los sei und ob ich irgendetwas falsch gemacht hätte. Keine Antwort.

Am nächsten Morgen sah es nicht viel anders aus. Inzwischen 2 Likes auf Facebook, juhuu.

(und von X. natürlich keinerlei Lebenszeichen mehr, das war aber auch besser so)

Irgendwie sehr traurig für ein Projekt mit solch einer Geschichte.

Und dafür hatte ich mir jetzt also all den Stress mit X. gegeben.

Hatte die Zähne zusammengebissen obwohl ich mich eh die ganze Zeit miserabel gefühlt hatte. Hatte all das nochmal erduldet, was schon in den letzten drei Jahren ohne Ende an mir genagt hatte. Hatte vollkommen verkrampft eine Lösung gesucht, ein Projekt am Leben zu erhalten, an dessen weiterer Existenz ganz offensichtlich niemand ausser mir selbst interessiert war. Stand schon wieder vor so vielen Songs die nicht fertig wurden und die im Mülleimer landen würden… man merkt, ich spitze gerade zu, versuche, begreiflich zu machen, wie ich mich damals fühlte. Und das war echt nicht schön.

Ich fühlte mich ziemlich doof.

Das letzte Album zu verlieren, keine Band mehr zu haben, vor einem Trümmerhaufen zu stehen, das war schrecklich für mich gewesen. Der unerwartete Erfolg von „All Good Things“ hatte mich aufgebaut, doch das war nur Fastfood für die Seele gewesen… nun, als dieser Erfolg ausblieb, fühlte ich mich ganz schnell wieder mies und leer.

Ich verfasste einen einigermaßen beleidigten Blogeintrag (gebt euch keine Mühe, schon lange wieder gelöscht), und schaute am Abend dann noch im IRC-Chat einer Internet-Radiostation vorbei, die in der Vergangenheit viel für uns getan hatte und mit Diaspora in Verbindung stand, in der Hoffnung, ich würde da vielleicht erfahren, was so entsetzlich schief gelaufen war.

Und da stand es, schwarz auf weiß:

Also ich weiss nicht was das soll, der Song ist halt Scheisse.

– Ja genau, was will der eigentlich?

(den 100% genauen Wortlaut und das drumherum weiss ich nicht mehr… aber von der Semantik her kommt es hin)

Ich schloss das Fenster ganz schnell und machte es nie wieder auf.

Aber die Frage blieb. Was will der eigentlich?

Heute weiss ich, ich habe mit „Visionary Man“ alles falsch gemacht. Ich hatte den Song produziert, um vom Netz wieder eine Dosis Motivation und Aufmunterung zu bekommen. Damit ich etwas hatte, das mich weiter arbeiten liess. Das war der falsche Grund. So konnte es nicht klappen. Wer schaut, wie das Netz reagiert, und seine Energie allein daraus zu ziehen versucht, der ist verloren.

Seitdem habe ich musikalisch nichts Größeres mehr angefasst.

Ich habe sehr nette Leute kennengelernt mit denen ich hin und wieder Musik mache… aber sobald es so aussieht, als ob tatsächlich etwas daraus werden könnte, ein Album oder eine EP oder ein Konzert oder ein Bandkonzept, bekomme ich Angst und trete auf die Bremse.

Steffi war mich inzwischen einmal besuchen, wir haben zusammen gekocht, viel Wein getrunken, ich hab Klavier gespielt, sie hat spontan gesungen, wir haben one-off ein wirklich wunderschönes Lied zusammen aufgenommen, aber auch nur der entfernte Gedanke daran, Botany Bay neu zu starten, sorgt dafür, dass ich den Rest vom Tag deprimiert bin.

Was will der eigentlich?

Die Frage beschäftigt mich, ich versuche, eine Antwort zu finden, seit damals versuche ich das. Aber es fällt mir sehr schwer.

Was will der eigentlich?

Vielleicht will der einfach nur wieder Musik machen können, ohne dass es weh tut. Der hat so viel verloren in den letzten drei Jahren, das tat alles so weh… es reicht mit dem Wehtun.

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p.s.: Achso, ja, falls jemand das Ding unbedingt hören möchte, hier liegt es, und zwar nur die nächsten 14 Tage lang:
https://www.dropbox.com/s/r8q3d4m6vsco3ln/VisionaryManFinal.mp3?dl=0

p.p.s.: Auf den sozialen Klowänden dieses unseres Internets ist bereits zu lesen „hör‘ auf zu flennen du Memme, der Song ist halt Kacke und dein Artikel ist Dreck und zu langund ähnliches mehr. Da gehe ich jetzt natürlich nicht weiter darauf ein, aber schöner kann man das Problem nicht demonstrieren. Man kann nur verlieren, wenn man sein Glück von solchen Leuten abhängig macht.

9 Antworten auf „Visionary Man“

  1. *drückdichauch*

    all good things ist wirklich ein sehr schöner song, wie so viele deiner songs. weiß gar nicht, warum muss den leuten auf diaspora das nochmal gefallen?

    n kuss kriegst du von mir aber nich…

  2. >>> Vielleicht will der einfach nur wieder Musik machen können, ohne dass es weh tut. <<<

    … geht das denn? Damit es wirklich gar nicht weh tut, darf dann wohl niemand sonst die Musik zu hören bekommen. Und wenn niemand sie hört, tut es weh, dass niemand sie hört. Und wenn Musik nicht doch auch ein klein wenig weh getan hat, sie zu machen, wer will sie dann hören?

  3. Genau das wäre meine Frage auch gewesen.

    Und warum sind daher gelaufene Forentrolle die mit herunter gelassener Hose auf Diaspora Klowände beschmieren ein Maßstab für dich und deine Musik?

  4. Mach Musik für Dich. Es ist oft schwer genug, die passenden MitstreiterInnen zu finden, wenn man Seele in seine Musik tun will. Ein Publikum findet sich dann schon. Vielleicht zunächst auch nur ein kleines.

    Es gibt sie leider überall, diese Kotzmenschen. Die nichts können außer kotzen. Es ist respektlos, null Perspektivübernahme. Wenn es mir nicht gefällt, kann ich ja immer noch anerkennen, dass der andere sich Mühe gegeben hat. Als ich im Januar im Roxy in Ulm bei einer offenen Bühne gespielt habe, lagen da doch tatsächlich Zettel aus, man solle die Künstler nicht ausbuhen. Das muss ja was gewesen sein davor, 500 Leute, die einen ausbuhen… uffz. Ja, vielleicht färbt das „Unterschichtenfernsehen“ langsam durch, mit seinen permanent lästernden Hanswursten aus dem Off und seinen Dieterbohlens. Vielleicht ist es auch nur eine kälter werdende neoliberale Gesellschaft? Ich weiß es nicht.

    Das erste Konzert mit meinem neuen/weiteren Projekt vor einer Woche war jedenfalls bei 10€ Eintritt mehr als ausverkauft und das Publikum war wohlwollend. Und das schreibe ich jetzt nicht hier hin, weil ich mich so geil finde, sondern weil es einfach schön ist, weil es Hoffnung macht, weil es zeigt: Es geht auch anders. Mit etwas Glück und in den richtigen Läden.

    Ob es im Netz allein (noch) geht? Das glaube ich eigentlich nicht mehr.

  5. @toc6:

    Tatsächlich macht Dein vorletzter Absatz ein bisschen Mut. Danke dafür.

    Das was Du vorher schreibst erinnert mich an einen Auftritt, den wir mal auf einer offenen Bühne in Köln hatten.

    Das war damals die ganz neue Besetzung Steffi und ich plus Wolfgang gewesen, wir stellten drei vollkommen neue Lieder vor, und es lief eigentlich sehr gut für uns.. nicht jedoch für den Standup-Comedian, der vor uns dran gewesen war.

    Der Mensch hatte einen sehr feinen, trockenen Humor und hatte eine ganz eigene Art, ihn rüberzubringen, so ein bisschen verhalten und vorsichtig, aber total auf den Punkt und entlarvend… ziemlich gut, ziemlich aussergewöhnlich und charismatisch.

    Leider gehörte der Typ, der in der Reihe vor uns saß, zu eben genau jener Sorte Kotzmensch, die unglücklicherweise gerade unser Thema ist. Er schimpfte und lästerte die ganze Zeit lautstark, unterbrach und verhöhnte laufend die Vorstellung, kam sich ob seines nicht vorhandenen Einfühlungsvermögens wir das größte Alphamännchen am Ort vor, und nach meinem freundlichen Hinweis darauf, er möge doch jetzt bitte mal die Klappe halten, schaltete er noch ein paar Gänge hoch (wieder mal: Mein Fehler. Ich hätte ihn behandeln müssen, wie man Trolle behandelt. Aber es hat halt einfach fürchterlich gestört).

    Für den Menschen auf der Bühne war das ziemlich schrecklich, und für so gut wie alle anderen war’s auch nicht schön. Das führte sogar so weit dass der Veranstalter vor unserem Set kurz die Bühne betrat und darauf hinwies dass wir hier nicht bei DSDS oder einer ähnlich gearteten Volksverdummung sind.

    In einer Gesellschaft, in der „Opfer“ ein Schimpfwort ist, erblühen solche Gestalten leider. Mir wurde als ich klein war noch eingebläut, mit meinen Mitmenschen respektvoll und tolerant umzugehen und den kategorischen Imperativ anzuwenden.

    Würde ich von irgendjemandem eine Abhandlung lesen, in der er über etwas sehr Privates und für ihn Wichtiges schreibt, und in der er aufzählt, was er alles verloren hat und welchen Schmerz ihm das verursacht hat, so würde ich, wenn ich nun wirklich gar nix damit anfangen könnte, einfach meine Klappe halten und nicht noch munter draufknüppeln… das ist für mich ganz klar, so wurde ich erzogen, geprägt und gelehrt. Schon irgendwie absurd, mir würde das gar nicht in den Sinn zu kommen, dann zu schreiben „selber schuld, Dein blödes Gelaber kann man nicht lesen und die Musik ist Kacke“, dieser mögliche Übergang existiert in meinem neuronalen Netz überhaupt nicht.

    Aber diese Hemmschwelle wird immer seltener… man hat es ja nicht mehr mit Menschen zu tun, sondern nur mit Buchstaben auf einem Bildschirm. Und selbst wenn dahinter ein Mensch sein sollte, was soll’s, das Opfer ist selbst schuld und es gibt nun mal nix wichtigeres als dass man sich selbst toll fühlt und konsumieren kann, und dass alle denken: Oh wow, der hat ihm jetzt aber mal eingeschenkt, was muss das für ein toller Mensch sein.

    Traurigerweise funktioniert es aber auch andersrum. Was da auf Diaspora an die Klowand geschmiert wurde, das hätte mich vor ein paar Jahren noch so richtig übelst runtergezogen. Inzwischen erwarte ich gar nichts anderes mehr vom Internet.

    (ich find‘ „Kotzmensch“ übrigens einen super Ausdruck. Besser kann man diese Spezies nicht umschreiben…)

    @Julian:

    Sie sind keine Maßstäbe für mich. Aber es ist auch nicht leicht, sie vollständig zu ignorieren…

    @Coke:

    Das ist eine gute Frage. Muss es wirklich weh tun? Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hat es nicht weh getan. Die Wahrheit ist, bei Botany Bay war es schon immer aus dem einen oder aus dem anderen Grund bittersüß und schön bis schön-schmerzhaft.
    Aber der Schmerz, von dem ich hier geredet habe, ist ein anderer Schmerz. Es ist so ein negatives Loch, in das alles reinfällt, das alles auffrisst und jede Motivation zum Erliegen bringt. Das ist seit den Geschehnissen, die ich in diesem Artikel beschreibe, neu, das war früher nicht so.
    Ich bin nicht mehr depressiv als man es nach dem Tod beider Eltern und einem treuen Hund und dem Verlust einer großartigen Band mit einigem Recht sein darf… aber es ging mir schon viel, viel schlechter im Leben. Ich hab eine tolle Lebenspartnerin, ich habe ein tolles Zuhause, ich hab einen sehr genialen Job der mir ermöglicht, meine anderen Interessen gleichwertig zu verfolgen… aber alles was mich motivieren würde, wieder zielgerichtet Musik zu machen, das versackt gerade in einem Strudel… darüber habe ich geschrieben… und darüber wundere ich mich…

    @Frau K. & KraKra

    Danke euch vielmals!

  6. @stephan: Was hilft, ist Eintritt verlangen. Dann entscheiden sich die Leute schon im Vorfeld bewusst, ob ihnen die Band das Geld wert ist. Den meisten Kotzmenschen ist es das dann doch nicht wert, auch noch zahlen zu müssen fürs Kotzenkönnen.

    Ausnahmen gibt es leider auch dort. Einmal erlebt: Super Sängerin, aber eben nicht dem Schönheitsideal entsprechend. Typ im Publikum: „Dass ich das ankucken muss!“ Ich bin heute noch entsetzt, wenn ich das hinschreibe. Eintritt war 14€. Ich hatte Gänsehaut bei der Band. Und dann so nen Kotzer. Tsa.

    Spontane Hypothese: Es ist ein Umgang mit dem omnipräsenten Toll-Sein aller anderen. Wir leben zunehmend in einer Daumen-Hoch-Welt und nie war es so einfach, seine tollen Produkte öffentlich auszustellen. Das machen wir als Künstler ja alle. Damit ist es auch einfacher denn je, sich selbst klein zu fühlen im Vergleich. Denn bessere gibt es immer und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht irgend jemanden da draußen maximal bewundern könnte. Manchmal macht das richtig müde. Und zu leicht vergesse ich darüber, dass auch so mancher mich bewundert.

    Also eben drüber abkotzen, um selbst innerlich nicht schlecht dazustehen? Wäre doch mal näher drüber nachzudenken, ob es so funktioniert. Vor allem für Leute, die selbst keine Kunst machen.

    Dass hinter der Daumen-Hoch-Welt natürlich auch all das schwierige Leben steckt, wissen wir eigentlich alle. Und für Menschen, die Kunst mit Seele machen vielleicht noch mehr als für viele andere. Es scheint mir unmöglich, das den Kotzmenschen zu vermitteln… wie ich so ein Video konvertiere gerade, um es mit einem Mehrspur-Mitschnitt zu vernudeln und in mir spüre, wie fragil meine gefühlte Einstellung zu diesem Material ist, wie ich noch nicht weiß, wie ich mich selbst zu mir positioniere… mh. Es hängt so viel dran und am Ende ist es doch nur ein Video von Millionen (Milliarden?) bei YouTube.

    Was mir allerdings als Haltung hilft: Was ich öffentlich rausgebe, dazu stehe ich. Das ist, wie es ist, das ist was ich zu dem Zeitpunkt liefern konnte. Wem’s nicht gefällt, der ist halt selber doof und soll es erst mal besser machen.

  7. Ich wollte den Song hören, in der Rückschau, aber die Links sind alle weg. Vermutlich nicht überraschend, nach den Schilderungen der Ereignisse drumherum. Mir geht ein längerer Kommentar dazu durch den Kopf, aber ich weiß nicht, ob ich den sinnvoll niedergeschrieben bekomme. Vielleicht so ‚rum: Du hast augenscheinlich immer extrem viel Kraft, Herzblut, Energie in BB investiert, und ebenso augenscheinlich kaum (lies: nie?) daraus Erfolg gewonnen. Das ist bitter. Aber das ist vermutlich nicht zu ändern.

    Boshafte Reflektion: Du hast mit Deinen Veröffentlichungen keine sonderlich eingängige oder „lustige“ Musik gemacht. Aus gutem Grund. Das ist wichtig für Dich, und das wissen die zu schätzen, die, nun, diese Aspekte an Musik mögen. Indes: Das scheint mir damals wie heute nicht die Masse zu sein. Die Masse hat einen miserablen Musik-Geschmack. Und Du, wie auch jeder Musiker, muß sich entscheiden, ob er in irgendeiner Weise „in der Masse“ aufgehen will (und damit Qualität, Integrität, Vision, … opfert) oder aber seine musikalische Idee treu verfolgt (und damit potentiell Hörer verprellt). Das Beste, was Du wohl über letzteren Weg schaffen kannst, sind ein, zwei, vielleicht ein Dutzend von Leuten, bei denen Du langfristig und intensiv im Gedächtnis bleibt, während der Rest Dich ausblendet. Bei ersterem Weg bist Du kurzfristig vielleicht schnell populär, aber letztlich genau so schnell wieder weg vom Fenster.

    Weniger boshafte Reflektion, in bezug auf Deine Beobachtungen mit diaspora und Visionary Man: Ab einem gewissen Punkt ist es vermutlich eben einfach subjektiv. Die drei BB-Veröffentlichungen mit Laura habe ich als CDs mit Booklet im Regal stehen. Alle drei kommen immer und immer wieder in meinen Player, sind extrem intensiv schon von der Musik her, aber auch von der Verbindung mit Wahrnehmungen und Gedanken einer bestimmten Zeit in meinem Leben. Alle drei – „Grounded“, „Postcards“, „Stupid Summer Dreams“ – finde ich nach wie vor genial. Danach, ehrlich gesagt, hört Botany Bay für mich subjektiv auf. Das liegt nicht an Dir, das liegt nicht an Qualität oder Stil des Songwritings, an Dir oder an Stefanie oder ihrem Gesang, sondern schlicht daran, daß mich ihre Art der Stimme und die Wirkung ihrer Stimme in den Songs (mit Ausnahme von „Pretty Boy Pretty Girl“) nie wirklich erreichen und berühren konnten. Zu Stupid Summer Dreams hatte ich damals einen recht euphorischen Kommentar (http://bit.ly/2clS34H — unglaublich, daß das jetzt über sechs Jahre her ist) geschrieben. Für die Nachfolgewerke hätte ich das nie tun können, zumindest nie ehrlich.

    Das klingt vielleicht härter, als es gemeint ist. Aber letztlich und endlich glaube ich, daß es okay ist: Es ist wohl nie die Aufgabe des Musikers, einzelne Hörer glücklich zu machen. Wenn ich mir einige der großen Namen hernehme, die ich damals in meinem Review als Vergleich herangezogen habe, dann hatten die *alle* entlang ihres Weges Brüche in ihrem Schaffen, mit denen sie alte Fans mindestens irritiert, wenn nicht verprellt haben. Die von harten Musik-Kritikern in die Mangel genommen wurden, also jener Spezies, die im schlimmsten Fall eigene Profilierung darüber betreibt, das Schaffen Anderer genüßlich in Grund und Boden zu schreiben, nur weil sie’s kraft ihrer Position können. Solche Leute gibt’s. Immer. Überall. Online wie offline. Und wenn Du versuchst, *denen* zu gefallen, bist Du verloren. Dann bist Du genau so verloren, wie wenn Du bei Flickr und in ähnlichen Locations versuchst, nach ein-, zweimaligen Bildern in „Explore“ dies zu wiederholen. Wenn Du das tust, vergeudest Du entweder Zeit und Potential in genau dem Versuch, einer schwer zu berechnenden Zielgruppe zu gefallen (wofür Du Dich schlimm verbiegen mußt), oder Du wirst wie einer von diesen zehntausenden gesichtslosen Instagrammern, die mit polierten Pseudo-Retro-Fotos auf Krampf „Likes“ und „Follower“ sammeln, obwohl offensichtlich klar ist, daß das alles inszeniert, kalkuliert, Teil einer geplanten Social Media-Strategie für die eigene Vermarktung ist. Das kann man, glaube ich, nicht wirklich wollen.

    Fazit, nach den Jahren: Mach weiter, was Dir wichtig ist. Mach Musik, für Dich, und für diejenigen, die sich auch nach fünf, sechs, sieben Jahren noch daran erinnern. Und sei es nur eine Handvoll. Sieh es als Deinen persönlichen Erfolg, wenn sich nach dieser Zeit noch jemand die „Postcards“-EP in den Player schiebt und beim Großteil der Tracks eine Gänsehaut bekommt. ;)

  8. @Kristian:

    Tatsächlich kann ich sogar nachvollziehen was Du sagst in Bezug auf unsere Veröffentlichungen nach „Stupid Summer Dreams“.

    Ich hab es irgendwann mal an anderer Stelle schon geschrieben: ‚No Excuse‘ war leider insgesamt etwas, womit ich nie richtig zufrieden war. Zu glatt, zu gut produziert, zu wohlgefällig, und zu sehr von dem Wunsch getrieben, Erfolge einzufahren und der Welt irgendwas zu beweisen.

    Schade dabei ist nur dass ich genau weiss, wieviel Potential in dieser Besetzung mit Steffi, Marius und Felix gesteckt hätte. Da kratzt „No Excuse“ nur an der Oberfläche. Mit mehr Zeit und mehr Ruhe und mehr Reflexion hätte da was wirklich Großes daraus werden können. Aber es hat nicht sollen sein, und ganz realistisch gesehen wollten sie das wohl so, ansonsten wären sie dabei geblieben…

    Nur ich habe nach wie vor Probleme, mich wieder zu finden. Und Leuten zu vertrauen, mit mir ein musikalisches Projekt durchzuziehen. Aber allein die Tatsache dass ich auf diesem Blog noch antworte heisst schon viel…

    Danke für Deine Meinung, ich schätze das sehr.

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