Der Plan / A Secret

Ich hab mir jetzt einen Monat Zeit gelassen, um darüber nachzudenken, wie es mit diesem Blog weitergehen soll.

Ich danke euch allen sehr für euer Feedback, es hat mir sehr geholfen und das ein oder andere Mal auch deutlich die Augen geöffnet.

Daher hier ohne Umschweife der Plan, was passieren wird:

  • Das Botany Bay Blog (sprich: das hier) wird weiter bestehen.
    Will heissen, ich werde es nicht löschen und man wird bis in alle Ewigkeit (oder zumindest: solange es mich gibt und ich es mir leisten kann) hier nachlesen können, wie das damals war mit Botany Bay, sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten. Die Adresse dafür lautet (weiterhin) blog.botanybay.cc.
    schallundstille.de wird in Zukunft woanders hin führen (aber dazu unten mehr)
  • Auf der Botany Bay Homepage (botanybay.cc) wird man in Zukunft und bis in alle Ewigkeit (s.o.) ausschließlich direkt und ohne Umwege unsere Musik zu hören kriegen. Momentan via Bandcamp, aber solche Sachen können sich ja bekanntermaßen ändern. Wenn ich Zeit und Lust habe werde ich schauen, dass ich unser allererstes Album („Tales Of The Bitter Seed“ aus dem Jahre 1997) auch noch verfügbar mache. Aber das bräuchte dringend neues Mastering und ich hab gerade gar nicht mehr die Hardware für die alten Analog-Mastertapes….
  • Botany Bay selbst bleibt ungeachtet all dessen im Ruhestand. Wobei ich nicht vollkommen ausschliessen möchte, das Projekt irgendwann mit neuen Leuten wieder zu beleben.
  • schallundstille.de (sprich: momentan noch das hier) wird in Zukunft zu meinem eigenen, themenübergreifenden Egoblog. Wo’s um alles gehen wird, was mir so einfällt. Musik, Fotografie, Weltanschauliches, Programmieren, so wie ich gerade Lust habe.
    Zu diesem Zwecke wird es neu starten, und zwar am ersten Mai 2016.
  • Ich arbeite gerade daran, ein neues, schnuckliges, kleines Aufnahmestudio an einer schnuckligen kleinen Location im Siebengebirge aufzubauen.
    Es wird noch ein bisschen dauern, ich muss noch ein paar technische Probleme lösen… aber sowie das getan ist, gibt es ein neues musikalisches Projekt, das hier seine Heimat finden wird, und von dem sicherlich in Bälde etwas zu hören sein wird.
    Und wenn es soweit ist dass das Ding funktioniert, dann habe ich auch gegen alle möglichen collaborations nichts einzuwenden. Nur momentan werde ich meine Energie darauf lenken, das zum Laufen zu kriegen.

Das war’s. Das ist der Plan.

Und für alle die bis jetzt durchgehalten haben, habe ich eine Art Botany Bay Abschiedsgeschenk vorbereitet, und zwar ein Session-Outtake aus der „Grounded“-Periode, das bis jetzt nicht im Netz veröffentlicht wurde.

Das Datum ist irgendwann 2007, die Location ist Lauras alte Wohnung in Aachen, ich sitze am Klavier und sie steht am Mikrofon, und wir versuchen uns gerade nochmal an Take 3 von „A Secret“.

Einen Song, den wir zusammen geschrieben haben, und der davon handelt, wie magisch und kostbar der Moment sein kann, und wie der Moment ein kleines Geheimnis ist… das Geheimnis, warum man weiter macht, immer weiter.

Eben dieses Momentes wegen nämlich.

 

A Secret

What’s it all about?
Wishing dreams were true or simply
Looking for a way
Or someone’s arms to fall into
I know what it’s like
To be lost and to be found
To be scared and all alone
Or to be where the river flows
To know what no one knows
And this is the sound
Of one secret left to keep

A pile of butterflies
Come run right through and set them free
Although one might say
They’re just a heap of autumn leaves
But watch how they fly
Just like sparks in the dead of night
And see how they dance
As the world is fast asleep
And when you hear me laugh
You know it’s the sound
Of the secret I still keep

Laura Dietrich – vocals
Stephan Kleinert- piano

 

Kleine Planänderung

Liebe Leute,

mir ist in den letzten drei Tagen aufgefallen, dass ich mich unglücklicherweise und ungewollt wieder weit von meiner Absicht entfernt habe, meine Musik nur um der Musik willen zu machen und dabei neue Gebiete zu erkunden, zu experimentieren, neue Wege zu beschreiten und einfach ich selbst zu sein.

Stattdessen habe ich (insbesondere mit der Veröffentlichung von „Visionary Man“ einmal mehr) versucht, zu gefallen und die Werbetrommel zu rühren und möglichst perfekte, vermeintlich notwendige Lebenszeichen von mir zu geben und Eindruck zu machen… und war dann überhaupt nicht begeistert, als das Feedback ausblieb.

Ich habe mir aber schon vor langer Zeit geschworen, das nicht mehr so anzugehen… und irgendwie musste ich mich daran wohl erstmal selbst wieder erinnern.

Bitte seid also nicht enttäuscht, wenn ich hier in Zukunft vom Prinzip „Lieder veröffentlichen für Promo-Zwecke“ wieder absehen werde… ich tue dies, damit ich nicht die Lust an der Musik verliere, und damit etwas Neues, Schönes, fernab von den blödsinnigen Zwängen des Gefallen-Wollens entstehen kann.

Ich werde nach einem Weg suchen, euch daran irgendwie teilhaben zu lassen, aber das Auskoppeln von Singles und das zeitweise beinahe verzweifelte Anpreisen derselben auf sozialen Netzwerken kann es nicht sein. Das ist zu sehr mit Überlegungen verbunden („was muss ich machen, damit es gehört wird?“, etc.), die meinem Ansinnen entgegen stehen.

Ich weiss dass ihr das verstehen werdet und ich freue mich sehr über euer ungebrochenes Interesse an Botany Bay. Ich werde es nicht enttäuschen.

Liebe Grüße,
Stephan

P.S.: Ja, vorher stand hier ein anderer Eintrag des mehr oder weniger gleichen Inhalts, der aber einen viel negativeren Tenor hatte und viele meiner Hörer traurig gestimmt hat…  und der zugegebenermaßen in einem Zustand der Frustration abgefasst wurde, in dem ich nicht hätte schreiben dürfen.

Es war aber nie meine Absicht, meine Hörer zu frustrieren. Und es war ebenfalls zugegebenermaßen keine gute Idee, die Kommentarsektion zu schließen.

Also: Ich mache natürlich weiterhin Musik, und ich mache mir auch sehr viele Gedanken darüber, wie ich das Publikum daran teilhaben lassen kann, ohne dass es in den für mich unbefriedigenden Leistungssport „Singles auskoppeln“ ausartet. Wenn jemand Ideen hat, die Kommentarsektion ist wieder eröffnet :)

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Neue Musik: Ein Vorschlag!

Hallo ihr Startup-Gründer, und diejenigen, die es werden wollen!

Letzte Woche, beim Schreiben meines Artikels über die Entstehung von „The Crow Song“, ist mir eine Geschäftsidee gekommen. Und zwar ist diese Idee nicht mal wirklich neu, sondern es gab sie schon einmal, und das Ergebnis war so erfolgreich, dass es  (so zumindest meine Vermutung) mit Absicht aufgekauft und zugrunde gerichtet wurde.

Aber ich beginne von vorne: Das Problem mit neuer Musik von neuen (oder auch alten) Künstlern ohne Promo-Company, bzw. von CC-lizenzierter Musik ist ja immer noch: Man findet sie nicht.

Es gibt zwar Plattformen im Netz, wo man seine Musik zum Download zur Verfügung stellen kann (Bandcamp, Grooveshark, Soundcloud, und wie sie alle heissen…)… und es gibt Seiten wie Jamendo und Restorm, die sich das Entdecken von CC-lizenzierter Musik auf die Fahnen geschrieben haben.

Das Problem ist nur: Bandcamp & Co. stellen größtenteils einfach nur die Infrastruktur zum Hochladen, Vertreiben und Downloaden zur Verfügung. Ja, sie haben auch ein bisschen Community weil man das im Web 2.0 so haben muss, aber wirklich Neues entdeckt man dort nicht, es sei denn, man weiss ganz genau, was man sucht… und dann ist es auch nicht mehr neu.

Jamendo hingegen war zwar vor langer Zeit einmal eine sehr vielversprechende Angelegenheit, wurde aber nie weiter- sondern ausschließlich zurückentwickelt, und ist insbesondere in seiner letzten Inkarnation nur noch ein Witz. Ich meine, es ist zwar sicher ganz gut zu wissen, wo ich die neuesten House-Tracks von Professor Cliq runterladen kann (oder, wenn ich zufällig ein Foltergefängnis leite, wo ich 47.372 schlechte Kopien davon herbekomme), aber dazu braucht es nicht unbedingt eine eigene Plattform.

Und Restorm hat nie richtig funktioniert und ist jetzt pleite.

Woran sich in diesem schnelllebigen Neuland hier vermutlich kaum jemand erinnern kann: Es gab schon mal eine Plattform, auf der das Entdecken von neuer Musik und der Austausch von Künstlern untereinander und Künstlern mit ihrem Publikum enorm gut funktionierte.

Und die nannte sich garageband.com (der Link geht inzwischen zu Apple, also spart euch einen Besuch dort).

Zu seinen Glanzzeiten warb garageband.com mit Sir George Martin und anderen Producer-Grössen… und zwar, weil die Idee einfach wirklich verdammt gut und revolutionär war, und überdies auch noch funktionierte.

Sir George Martin versprach nicht zu viel. Das war vermutlich auch der Grund, warum garageband gehen musste.
Sir George Martin versprach nicht zu viel. Das war vermutlich auch der Grund, warum garageband.com gehen musste.

Die Idee war die folgende: Bands und Solokünstler können ihre Musik auf garageband.com hochladen und von anderen Personen besprechen lassen. Jeweils 20 Besprechungen erkaufen einem das Recht, selbst einen Song hochzuladen und besprechen zu lassen (alternativ dazu konnte man auch einfach was zahlen).

Zum Besprechen konnte man zunächst die Genres angeben, in denen man gerne Rezensent sein wollte. Man bekam dann per Zufallsprinzip verschiedene Songs vorgespielt (anonymisiert, so dass man erstmal nicht wusste, worum es sich handelt… und die man erst nach drei Vierteln ihrer Laufzeit überspringen konnte… so wurde sicher gestellt, dass man sich mit den Songs wirklich beschäftigt) und musste dann Sterne in verschiedenen Kategorien vergeben, sowie eine Freitext-Rezension mit mindestens x Wörtern schreiben.

Und damit die Besprechungen ein hohes Niveau hielten und sich auch wirklich mit den Songs beschäftigten, wurden ihre Qualität wiederum auch per Zufall von den Usern bewertet.

Das Ganze war ein verdammt ausgeklügeltes System, das verdammt gut funktionierte. Es funktionierte so gut, dass es im Jahre 2007 von myspace/iLike (kennt die noch jemand?) gekauft und direkt danach sterben gelassen wurde.

Was lief also falsch bei GarageBand?

Gar nichts.

Man ließ sich nur von den falschen Leuten kaufen, aus welchem Grund auch immer.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Ich erlebte nie wieder so viel Austausch mit Musikern und Nichtmusikern im Internet, wie damals zu den Zeiten von garageband.com. Und ich lernte nie wieder im Internet so viel interessante und neue Musik kennen. Und insbesondere Jamendo erscheint im direkten Vergleich mit garageband.com nur noch lächerlicher als es eh schon ist.

Es gab dort einfach alles. Eine lebendige Szene, eine lebendige Diskussionskultur, und grenzenloses Entdecken.

Tja, und das ist mein Vorschlag: Ein GarageBand-Klon, ebenso auf Nichtmusiker und Community zugeschnitten, wie auf Musiker und deren Austausch untereinander.

Klar, es wird von den Clowns bei Vox kein Geld für diese Idee geben, und es werden erstmal sehr viele Stimmen laut werden, welche die Sinnhaftigkeit der Unternehmung in Frage stellen werden („es gibt doch schon so viel Musik, wer soll das hören?“, „aber Spotify ist doch viel cooler und dort ist auch Justin Bieber“, und so weiter und so fort…)

Aber wenn es klappt, dann wird in ein paar Jahren Facebook (oder welche Plattform bis dahin auch immer in den Diensten der Musikindustrie steht) anklopfen und den Laden unbedingt kaufen wollen.

Und wäre es nicht total genial, dann einfach „Nö“ zu sagen?

Also, wer hat Interesse? Ich würde investieren. Und wir würden vermutlich auch noch andere finden, die das tun würden…

Ich

(Achtung, es wird egozentrisch und ausufernd. Muss jetzt aber mal sein. Wer damit nicht klar kommt oder es nicht lesen will: Mir egal.)

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Ich bin wieder da.

Ich schreibe ganz bewusst „Ich“, denn ich war es, der vor beinahe 10 Jahren den ersten Eintrag dieses Blogs verfasst hat. Und ich war es, der vor beinahe 20 Jahren dieses Projekt aus der Taufe hob.

Mit der Zeit gewann ich Mitstreiter und Weggefährten, mehrere Male wurde das „Ich“ zu einem „Wir“, und es entstanden dabei Freundschaften. Und mehrere Male zerbrachen diese Freundschaften wieder; wegen unterschiedlicher Vorstellungen, oder weil man sich auseinandergelebt hatte… so wie das nun mal oft im Leben ist.

Manchmal aber ist die Grenze vom „Ich“ zum „Wir“ nicht so einfach zu ziehen, und mehrfach in meinem Leben (nicht nur in der Musik, sondern in allen möglichen Belangen) habe ich den Fehler gemacht, diese Grenze zu leichtfertig und zu großzügig auszulegen. Weil ich unbedingt das „Wir“ wollte. Weil ich unbedingt Gemeinschaft und Freundschaft wollte, und in diesem Rausch vollkommen übersah, dass die andere Partei diese Gemeinschaft und Freundschaft lange nicht als so gemeinschaftlich und freundschaftlich empfand wie ich.

Ich kann mir durchaus vorstellen, woher das kommt.  Wenn man unbedingt tiefenpsychologisches Blabla anwenden möchte, dann kommt man irgendwann mit Sicherheit bei meiner verkorksten Kindheit an, in der ich lange Zeit ohne Freundschaften und Gemeinschaft auskommen musste, und mir umso sehnsüchtiger welche wünschte. Und diese Sehnsucht, ein Teil der drei ??? oder fünf Freunde oder TKKG oder was auch immer zu sein, die hörte eigentlich nie so richtig auf.

Auch bei Botany Bay nicht.

Und so kam es leider insbesondere in der letzten Botany-Bay-Inkarnation dazu, dass ich sehr oft „Wir“ schrieb, als ich in Wirklichkeit „Ich“ hätte schreiben sollen. Und, noch viel schlimmer, dass ich oft tage- und wochenlang darauf wartete, dass „wir“ etwas tun, wenn eigentlich „ich“ etwas hätte tun müssen, weil es ein „wir“ schon lange nicht mehr gab.

Klar, das klingt jetzt sehr nach Vorwurf und eingeschnappt (und vielleicht ist es das sogar ein ganz kleines bisschen; daher hier an diejenigen die sich angesprochen fühlen: Ja, wenigstens ein ganz klitzekleines „tut mir leid“ hätte ich echt sehr nett gefunden), aber hauptsächlich ist es mir sehr wichtig, festzustellen, dass ich zum großen Teil einfach selbst schuld bin und dass ich mich bemühen muss (und werde), den gleichen Fehler nicht noch mal zu machen.

Mit dem Abbruch der Arbeiten am letzten Album ist auch die zugehörige Besetzung Geschichte, und ich fange mit neuen Leuten, genauer gesagt, einer neuen Sängerin, ganz von vorne an. Und dieser neue modus operandi bringt ein paar Änderungen mit sich:

  • Die Band ist zunächst mal wieder ein reines Studioprojekt ist, wie ganz am Anfang, vor beinahe 20 Jahren: Es gibt mit der wunderbaren Nadine Wahl eine Sängerin, die (logischerweise) singt… und es gibt mich, der alles andere macht. Und wenn es sich ergibt, wird es auch Gäste geben. Ich werde aber niemandem mehr leichtfertig das „wir“ anbieten, solange ich mir der Sache nicht hunderttausendprozentig sicher bin.
  • Ich werde wieder mehr bloggen, weil ich mich mit niemandem mehr absprechen muss, ob „wir“ das so überhaupt sagen können oder dürfen, und ob das „unsere“ Meinung ist oder nicht.
  • Ich werde meine Songs wieder vermehrt über weltanschauliche und politische Themen schreiben, die mir wichtig sind. In der Vergangenheit ist das in den Hintergrund getreten, weil „wir“ da teilweise große Unterschiede hatten, und weil es mir so wichtig war, dass „wir“ alle Berücksichtigung finden.
  • Die Facebook-Fanpage wird dicht gemacht. Facebook nimmt Künstler wie mich in Geiselhaft, indem einem der anfängliche Aufbau einer Fanbase leicht gemacht wird, danach die Sichtbarkeit aber nur gewährleistet ist, wenn man dafür teuer bezahlt („schöne Fanbase hast Du da, wäre doch schade, wenn kein Schwein Deine Einträge liest, weil wir sie nicht anzeigen, oder?“).
    Ich sehe es überhaupt nicht ein, Mark Zuckerberg und seine Aktionäre dafür zu bezahlen, damit meine Fans mitbekommen, dass ich meine teuer produzierte Musik mal wieder verschenke. Für „uns“ war so ein Schritt viel zu krass, aber mir persönlich kann Facebook den Buckel runterrutschen.
    (Natürlich wird es jede Menge Infos weiterhin hier an dieser Stelle geben, und auch auf Diaspora.)
  • Es wird wieder mehr Musik zu hören geben. Ach als Demo-Versionen und im Entstehen begriffenes…
  • und in dieser Musik wieder mehr Klavier & Keyboards & seltsame antike Synthies. Ich spiele zwar auch Gitarre, aber wesentlich lausiger als Tasteninstrumente…
  • Ich werde das mit den Gruppenfotos wieder zurückfahren. Es geht um die Musik, nicht um Personen. Deshalb wird es auch solche Postings wie das hier in Zukunft nicht mehr so oft geben. Es war mir nur wichtig, mir das mal von der Seele zu schreiben. Das ist hiermit geschehen.

Und jetzt: endgültig Schwamm über die alten Geschichten, und den Blick in die Zukunft gerichtet.

Mehr über die Musik folgt demnächst.

Und die neue Musik selbst natürlich auch.

Ich weiss, hier am Blog ist auch einiges zu richten, es funktioniert einiges nicht mehr und man kommt nicht mehr an die Lieder ran (es war ein Fehler, auf restorm.com zu setzen… naja, hinterher ist man immer schlauer)… ich kümmere mich darum.

Bis demnächst!

Die Wahrheit… und Sebastian

(tl;dr: Steffi ist als feste Sängerin ausgestiegen, die anderen haben keine Zeit oder kein Interesse oder was auch immer… und ich, Stephan, habe einfach keine Lust mehr, das Schiff schon wieder allein schaukeln zu müssen… und es gibt drei letzte, neue Songs)

Liebe Botany-Bay-Fans und sonstige Leser dieses Blogs,

es hat ja keinen Sinn, sich und der Welt was vorzumachen. Es hat sich im vergangenen Jahr so einiges ereignet, was dafür gesorgt hat, dass wir mit unserem neuen Album nicht wesentlich weiter sind als bei unserem letzten Update.

Wenn ich den aktuellen Zustand in die Zukunft projiziere, so muss ich leider gestehen, dass ich nicht glaube, dass sich daran gross etwas ändern wird… und es ist die Zeit gekommen, Botany Bay, so wie es jetzt ist, aufzugeben und neue Wege zu gehen.

Aber der Reihe nach:

Nachdem vorletztes Jahr mein Vater gestorben war, ging es meiner Mutter sehr, sehr schlecht, und sie gab sich letztes Jahr alle Mühe, ihm möglichst schnell hinterher folgen zu können. Zum Glück hat sie das nicht geschafft, und ich werde hier nicht weiter ins Detail gehen (‚Addiction/RedEarth‚ geben allerdings eine ungefähre Vorstellung vom generellen Feeling), aber auf jeden Fall war es eine unglaublich beschissene Zeit mit etlichen Krankenhausaufenthalten, die sich alle wie ein Besuch in der Hölle anfühlten.

Später im Jahr verlor ich dann betriebsbedingt meinen Job (niemand möchte für Apps und schon gar nicht für Spiele zahlen, niemand möchte Werbung sehen, und alle wollen immer alles umsonst, um nur mal ein paar Gründe aufzuzählen) und durfte mir einen neuen suchen. Das war nicht wirklich ein Weltuntergang, aber es nahm ne Menge Energie aus Botany Bay, und natürlich sind immer ne Menge Ängste und Unsicherheiten mit so einer Suche und Umorientierung verbunden. Bei United Toy war ich CTO gewesen, hatte einen großen kreativen Spielraum und konnte mir meine Arbeit frei einteilen. Es würde nicht einfach werden, wieder in einem ’normalen‘ Job Fuß zu fassen und mir meine Freiheiten zu bewahren… nicht der ideale Nährboden, um Musik zu machen.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt wurde unsere geliebte Tia schwer krank, was später im Jahr darin gipfelte, dass wir sie gehen lassen mussten. Ich habe an anderer Stelle schon viel über Tia geschrieben, was ich hier nicht alles wiederholen muss; nur so viel: Sie war ein ganz besonderes Wesen, sie war unsere beste Freundin, und es war sehr schwer, sie zu verlieren.

Ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt wurde Felix, unser Bassist, Vater. Yeah, endlich mal etwas Positives, und an dieser Stelle nochmals meine allerherzlichste Gratulation! Trotzdem sorgte natürlich auch dieser Umstand nicht unbedingt dafür, dass wir öfter Musik machen konnten.

Marius, unser Gitarrist, hatte zu diesem Zeitpunkt einen Job über den ich hier nichts schreiben soll, ausser dass er dazu geführt hat dass er so gut wie nie Zeit hatte und lange nicht so oft am Start war wie es für ein Vorankommen nötig gewesen wäre.

Und das alles erklärt dann endlich auch, warum „Gegen die Zeit“, unsere letzte Veröffentlichung zugunsten der DKMS, ausschließlich aus Steffi und mir besteht: Erstens waren die Jungs schlicht und ergreifend nicht verfügbar, und zweitens ließ Tias Zustand es nicht mehr zu, hier auf der K-Burg großangelegte Sessions mit zig hundert lauten, ungestimmten Instrumenten und Kabeln zu veranstalten; das hätte alles nur noch schlimmer gemacht.

 

Tia wurde genau einen Tag nach der letzten Session eingeschläfert (und das wiederum erklärt, warum ich auf dem Video, das eine Woche später entstand, genau so fertig-mit-der-Welt aussehe, wie ich es auch tatsächlich war).

Tja, womit wir bei „Gegen die Zeit“ angekommen wären. Tatsächlich war dieses Lied nicht nur unser Beitrag für die DKMS, sondern es war irgendwo auch mein Abschiedsgeschenk an Steffi, und Steffis Abschiedsgeschenk an unsere Fans. Denn Steffi ist bereits seit einer ganzen Weile als feste Sängerin bei Botany Bay ausgestiegen. Wir wollten das erstmal nicht öffentlich machen, aber nachdem jetzt eh nix mehr voran geht scheint mir die Zeit dazu gekommen zu sein.

Langjährige Fans werden sich jetzt vielleicht an die letzte große Trennung im Jahre 2009 erinnern, damals war es Laura Dietrich, die ihren Abschied bei Botany Bay nahm, und die vorher sowas wie das stimmliche und wohl auch optische Aushängeschild von Botany Bay geworden war. Aber da muss ich gleich ganz energisch dazwischen grätschen, denn die beiden Trennungen haben so gut wie nichts miteinander zu tun.

Zum einen sind Steffi und ich weiterhin eng miteinander befreundet (ansonsten hätten wir kaum auf den letzten Metern und allen Umständen zum Trotz noch mal sowas wie ‚Gegen die Zeit‘ rausgehauen), und zum anderen möchte Steffi sehr gern als Gastsängerin auch weiter dabei sein. Nur sorgen Dinge in unserer beider Leben sowie musikalische und weltanschauliche Differenzen dafür, dass wir uns mehr gegenseitig bremsen als wir uns gut tun. Und Steffi möchte einfach mal sich selbst finden und entdecken und selbst Singer/Songwriter sein und weiter kommen als man es in meiner kaputten Band momentan tut, und das gönne ich ihr irgendwo von ganzem Herzen.

Und so sieht es jetzt aus: Felix ist mitten im heftigsten Elternstress, Marius hat (gottseidank) einen neuen Job der ihm allerdings sehr viel abverlangt, weswegen wir uns auch weiterhin kaum mal sehen, Steffi ist als festes Mitglied ausgestiegen und ich bin mehr oder weniger gerade alleinverantwortlich für Botany Bay.

Stephan

Im Klartext heisst das, ich hab hier ein zu 60-75% fertiges Album mit wirklich den allerwunderschönsten und eindringlichsten Songs, die man sich überhaupt nur vorstellen kann, und die die letzten zwei Jahre über alllesamt unter teilweise sehr heftigen Bedingungen (der Tod meines Vaters ist nur ein Beispiel dafür) entstanden sind. Und momentan sieht es so aus, als ob hauptsächlich ich allein für dieses Vermächtnis verantwortlich bin; und dafür, es fertig zu kriegen.

Und dazu habe ich gerade weder die Lust noch die Kraft, so leid es mir tut.

Ich weiß, das war alles schon mal anders.

Als wir 2004-2007 „Grounded“ aufnahmen, da war die Welt echt, wirklich und in ziemlich brutaler Weise gegen uns. Alles was schief gehen konnte, das ging auch schief. Wir wurden ausgelacht, ignoriert, unsere Instrumente wurden weggesperrt, wir wurden auf die Straße gesetzt, und niemandem (und damit meine ich: 0 Personen) ausser den unmittelbar Beteiligten (und das war lange Zeit nur ich) war das Projekt irgendwas wert. Und trotzdem hab ich’s durchgezogen, ich hab das Album fertig produziert, trotz allen die mich nicht unterstützt haben, trotz der Existenzängste die ich damals durchleiden musste, trotz allen Kollegen/Freunden/Lebensabschnittspartnern die’s nicht kapiert haben und die mir gesagt haben ich soll mein Leben nicht daran vergeuden… und ich bin irrsinnig stolz darauf.

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Und als sich 2009 dann Laura und ich in beiderseitigem Einverständnis endlich trennten, da waren einige (nicht viele, aber genug davon, dass es mich echt genervt hat) überzeugt davon, dass das jetzt das Ende ist. Dass es jetzt nicht mehr weiter geht, dass es ohne diese Stimme nicht weiter gehen könne. Ähem, schön, ja, hatte schon mal jemand mitgekriegt dass ich 90% der Songs allein geschrieben, produziert und arrangiert hatte? Nee, anscheinend nicht. Also musste ich mich mal wieder beweisen, und genau das habe ich auch getan (und, nein, unser allmählicher stilistische Wandel kam nicht davon, dass Laura nicht mehr mitschrieb; er kam davon, dass wir die Lust und die Möglichkeit hatten, das genau so zu tun; und auch Laura und ich hatten schon unsere triphoppigen und souligen Ausflüge gehabt…) Also kam Steffi dazu, und mit der Zeit allerlei andere neue Gesichter, und wir haben zusammen ein super geniales Botany Bay V2 hochgezogen, das sich vor Botany Bay V1 nicht im geringsten verstecken muss… Steffi und Felix und Marius und ich… und auch hier bin ich irrsinnig stolz darauf.

Und jetzt? Jetzt könnte ich anscheinend wieder mal der Menschheit und mir irgendwas beweisen, aber ich mag nicht und ich brauche auch nicht. Ich habe schon genug bewiesen. Ich habe der Welt viele, viele Stunden schöne Musik geschenkt, ich habe zwei verdammt schlimme Jahre hinter mir, habe meinen Vater, beinahe meine Mutter, meinen Job und zuletzt auch noch die Tia verloren… ich sehe nicht, warum und wie ich jetzt auf Teufel komm raus mehr oder weniger im Alleingang dieses Album fertig stellen soll. Ich bräuchte Hilfe dazu, und wenn ich die nicht kriege, gut, dann eben nicht.

Klar, es sind tolle Songs und es ist sehr, sehr schade um sie, und ich habe mir immer wieder vorgestellt wie wir im Frühjahr in einem Schiffchen auf dem Rhein eine große Premierenparty feiern und alles toll und wunderschön und genial wird… aber ich hab so viel hinter mir, dass ich gerade mal wirklich froh bin wenn ein paar Monate lang niemand stirbt und niemand krank wird und ich ein regelmäßiges Einkommen habe. Und die Enttäuschung, dass ich jetzt schon wieder allein alles regeln soll, die spielt natürlich auch eine große Rolle. Ich hab einfach keine Lust hier allein zu kämpfen, nur damit gekämpft ist, und mir am laufenden Band die Enttäuschung zu geben dass ich doch nur allein dastehe.

So ist es jetzt also. Es geht nicht weiter, so sehr ich es mir auch wünschen würde, und jedes Appellieren oder Hoffen meinerseits ist einfach nur frustrierend, weil es im Zweifelsfall weitere unzählige Wochen Stillstand zur Folge hat. Selbst diesen bescheuerten Artikel hier so abzusetzen dass er für alle vertretbar ist und mal eben die drei Songs fertig abzumischen war nicht möglich, ohne es erstmal zwei Wochen lang zu planen und dann doch nicht zu machen.

Deshalb: Botany Bay in der Besetzung Steffi/Marius/Felix/ich und dieses Album sind hiermit Geschichte.

Vielleicht wird sich daran irgendwann etwas ändern, vielleicht sind irgendwann auch die anderen wieder dabei… aber zu behaupten, wir kriegen dieses Album irgendwie noch fertig oder machen alle zusammen irgendwas anderes ganz tolles, das wäre falsch und würde niemandem etwas bringen, ausser uns (->mich) unter Stress zu setzen.

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Aber als kleines Geschenk vor der Eiszeit möchte ich mit euch gerne drei der Lieder teilen, die tatsächlich fertig geworden sind. Eines davon, das erste, heisst „Sebastian“, und obwohl es eigentlich um etwas ganz anderes geht, und obwohl es geschrieben wurde, als wir noch eine durchaus funktionsfähige Band waren, beschreibt es irgendwie doch auch auf wundersame und prophetische Weise den Zustand, in den wir uns reinmanövriert haben.

Sebastian
You know it’s strange, people’s minds
Working miracles sometimes
They might give you wings
They might make you fly
And sometimes you notice
But most of the time
You don’t even try
Please tell me it ain’t so
Please tell me there’s a way
A way that you can see
And that you still believe
Please tell me you’ll wait
Where the river meets the sea
And that if I lose my way
That you’ll come back for me
Sometimes it’s hard
All by yourself
Cause you put your dreams
Back into the shelf
Can’t hear the voices
Although you try
And sometimes you catch them
But most of the time
They’re just passing by
Please tell me it ain’t so…

 

Ich habe mir die vergangenen Wochen sehr gewünscht dass wir abgeholt werden von diesem seltsamen Ort, an dem wir irgendwie verloren gingen. Aber irgendwie werde ich den Weg zurück wohl allein finden müssen.

Ich melde mich, wenn ich dort bin.

P.S.: Was mich persönlich betrifft, ich werde natürlich weiterhin Musik machen. Ich kann gar nicht ohne, deshalb frustriert mich dieser ganze Scheiß auch so ohne Ende. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das unter dem Namen Botany Bay laufen wird, oder ob ich ein neues Projekt gründen werde; es wird auf jeden Fall wieder was zu hören geben, wenn auch nicht unbedingt hier. Die Zeit wird es zeigen.

P.P.S.: „Sebastian“ hatte ursprünglich eine ganz andere Bedeutung. Es geht um keine reale Person die „Sebastian“ heisst… es geht vielmehr um eine Person die stellvertretend für viele Menschen ist, deren wilde Träume mit der Zeit auf der Strecke bleiben, weil das die einzige Möglichkeit ist, mit diesem verdammten Leben fertig zu werden und sich anzupassen… obwohl sie so schön, beneidenswert und einzigartig gewesen waren… und über die Hoffnung, dass niemals alles verloren ist.

Don’t Fuck The Audience

Die Entscheidung, unser nächstes Album ausschließlich für uns aufzunehmen und auf fb-likes, Vermarktbarkeit, Anzahl der Twitter- und Facebook-Fans, Klicks und  Überlegungen zur Marktpenetration ab sofort nicht mehr zu achten, bringt ein paar ganz nette Annehmlichkeiten mit sich.

Zum Beispiel die, dass wir uns sehr entspannt zurücklehnen und mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein Spiel beobachten können, zu dem wir nicht gehören wollen und in dem wir nicht stattfinden werden. „Don’t Fuck The Audience“ weiterlesen

Wohin

Wohin

Wenn es stimmt, daß nie etwas verloren geht,
dann sing ich immer weiter,
immer lauter,
unverdrossen,
ohne Publikum,
vielleicht lauschen die Götter, die auf irgendeiner Wolke sitzen,
vielleicht hört ein Unbekannter zu, der vor dem Fenster plötzlich stehenbleibt.

Ich weiss nicht, was ich sagen soll.

Karan von den Singvøgel hat uns ein Lied gewidmet, das sich (auch) mit unserer derzeitigen Situation beschäftigt, und mit all dem, was ich im letzten Posting geschrieben habe…

Und noch immer weiss ich nicht, was ich sagen soll. Nach 20 Jahren Musik gibt es immer noch Dinge, die mich sprachlos machen. Musik zum Beispiel.

Vielleicht nur so viel: Danke, liebe Karan. Das Lied ist wunderschön, es kommt genau zu der richtigen Zeit, und es bedeutet mir mehr als alle facebook-likes oder youtube-klicks, die wir nicht gekriegt haben.

Fühl‘ Dich umarmt.

Hier geht’s zu dem Song.

Wie es ist

Ich habe es jetzt sehr lange vor mir hergeschoben, diesen Artikel zu schreiben.

Ich würde es am liebsten auch noch die nächsten 6 Monate vor mir herschieben, aber irgendwo sind wir unseren Fans, die uns so lange die Treue gehalten haben, ein Update schuldig – eine Erklärung, wie es bei Botany Bay weiter geht. Und da die anderen noch nicht bloggen, werde ich das wohl tun müssen.

Für die Antwort muss ich leider ein bisschen ausholen.

Wie ihr vermutlich alle mitgekriegt habt, ist mein Vater im Dezember verstorben, nachdem er vier Monate lang schwer krank gewesen war.

Diese Zeit seit August 2012 war eine fürchterlich schwere Zeit, und sie hat bei allen Beteiligten, so auch bei dieser Band, ihre Spuren hinterlassen.

Eigentlich hatten wir einen neuen Proberaum-mit-Studio in Köln angemietet, um im Herbst/Winter 2012 die ganz große NRW-Clubtour starten zu können und dazwischen die eine oder andere Aufnahme für das nächste Album zu machen.

Seit diesem einen schicksalsreichen Tag im August war daran aber nicht mehr zu denken; ich war nur noch zwischen Rhöndorf (meinem Wohnort) und Minfeld (dem Wohnort meiner Eltern) unterwegs, immer mit der Tachonadel am Anschlag, ging gleichzeitig so gut wie möglich meiner hauptberuflichen Arbeit als Softwareentwickler nach und war während all dessen bemüht, nicht die Nerven zu verlieren. Es waren Monate voller Ungewissheit, Schmerz und Komplikationen, die spürbar an Grenzen gingen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.

Dass wir es während dieser Zeit trotzdem geschafft haben, ein Lied für meinen Vater aufzunehmen, spricht für die große Freundschaft und das große Verständnis, das in dieser Band herrscht, und dafür, dass wir uns ohne viele Worte verstehen. Aber mehr als das und drei Sessions bei mir im Wohnzimmer waren trotzdem nicht drin.

Und jetzt?

Jetzt ist mein Vater tot, und ich fühle mich leer und unendlich traurig. Und habe sehr viel zum darüber Nachdenken.

Ich hätte mir für meinen Vater gewünscht, dass er in seinen letzten Jahren glücklich und zufrieden auf sein Leben zurückblicken kann… und natürlich, dass sie nicht so verdammt schnell kommen. Aber wer meinen Vater kennt, der weiss, dass er nicht glücklich und zufrieden war, sondern verbittert, oftmals verzweifelt und zum Schluss immer kränker.

Mein Vater war ebenso ein begnadeter Fotograf wie er ein begnadeter bildender Künstler war. Und ich sage das nicht aus Sohn-Vater-Bewunderung heraus (die war nie so wahnsinnig ausgeprägt), sondern weil’s einfach verdammt noch mal so war. Seine Fotos und Zeichnungen hätten auf Ausstellungen gezeigt werden müssen, sie hätten in Kunstsammlungen hängen müssen. Er hätte unendlich mehr Anerkennung für seine Kunst verdient gehabt, als er bekommen hat. Und das wusste er, und er verzweifelte daran.

Denn gefeierte Künstler, das waren immer nur die anderen geworden. Ex-Weggefährten, Ex-Mitarbeiter und Ex-Freunde. Die, als die Zeit dazu reif war, geschickt einen auf „Multimedia“ machten, oder eifrig in der lokalen Kunst-Schickeria networkten (auch wenn man das damals noch nicht so nannte). Mein Vater war nie einer fürs Networken und sich irgendwo anbiedern, er sagte immer seine Meinung, war sich bis zum Schluss selbst treu, und war in vielerlei Hinsicht viel zu kompromisslos um all zu weit zu kommen.

Das letzte Bild, das es von meinem Vater und mir zusammen gibt. Tausend Dank an Katja für diese Erinnerung.

Ebenso erging es ihm im Beruf. Er hatte Kunsthistorik studiert und war selbständiger Restaurator; zu seinen guten Zeiten gehörten zu seinen Aufträgen der Apothekerturm vom Heidelberger Schloss, alles Mögliche am und im Schlossgarten in Schwetzingen, und mehr Sakralbauten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als ich zählen kann.

Aber irgendwann ging unserem lieben Staat das Geld für Kunst und Kultur aus, und mein Vater liess sich trotzdem nicht beirren: Wenn eine originalgetreue, handwerklich perfekte Wiederherstellung einer Fassade mit den Originalmaterialien 20.000,– € kostete, dann tat sie das nun mal… und die Denkmalämter gaben den Zuschlag dann eben immer häufiger nicht mehr meinem Vater, sondern irgend einem „Restaurations-Experten“ aus ganz-weit-weg, der nicht mal wusste, dass es „Restaurierung“ heisst oder wie man Kunsthistorik buchstabiert, die Arbeit aber für unschlagbare 8.500,– € ausführte. Die Fassade war dann zwar nach bereits einem halben Jahr wieder kaputt und sah nicht mal ansatzweise wie das Original aus, aber man war im Plan geblieben und stand beim Vorgesetzten erst mal gut da.

(Öffentliche Ausschreibungen funktionieren übrigens immer noch ganz genau so, und deshalb haben wir so krasse Katastrophen wie die Elbphilharmonie und den Flughafen Berlin-Brandenburg).

Mein Vater beging den Fehler (oder vielleicht machte er auch genau das Richtige), seine Meinung über solche Vorgänge öffentlich kund zu tun, und er sparte nicht mit Kritik, egal wer sie gerade nicht hören wollte. Und als Dank dafür bekam er in den letzten Jahren so gut wie keine Aufträge mehr, wurde von den Denkmalämtern im wahrsten Sinne des Wortes am ausgestreckten Arm verhungern gelassen und häufte (in Zusammenhang mit der Tatsache, dass er auf einen Anlagebetrüger hereingefallen war) einen gigantischen Schuldenberg an… während er einer der besten Restauratoren in Baden-Württemberg war.

In den letzten Monaten vor seiner schweren Krankheit rief er oft bei mir an und beklagte sich darüber, dass ihm das Leben so übel mitgespielt hatte. Mir tat das fürchterlich leid, aber ich konnte ihm nicht helfen. Und nach einer Weile konnte und wollte ich es auch nicht mehr hören… weil es immer das Gleiche war und ich nichts ändern konnte. Und so ging ich irgendwann einfach nicht mehr ans Telefon wenn ich sah dass er es war.

Jetzt würde ich alles dafür geben, nur noch einmal solch einen Anruf zu bekommen.

Den Anruf anzunehmen und noch mal hinzufahren und für ihn da zu sein.

Aber diese Chance werde ich nie wieder haben.

 

 

Was das alles mit Botany Bay zu tun hat? Mehr als man denkt.

Viele Leute, die meinen Vater und mich kannten, sagen, dass wir uns sehr ähnlich waren. Was wohl eine Tatsache ist, die mich zu gleichen Teilen stolz und ängstlich stimmt.

Denn ich sehe meinen Vater vor mir, wenn ich über Botany Bay reflektiere. Wenn ich enttäuscht und bitter bin, dass es mit Botany Bay nie so richtig geklappt hat. Dass wir so irrsinnig viel gegeben und so lächerlich wenig erreicht haben. Dass ehemalige Unterstützer keine Werbung mehr für uns machen und mir unverblümt sagen: „Ich muss mich halt primär um die Sachen kümmern, die gut laufen„. Dass all die Zoe Leelas und Professor Kliqs und Amanda Palmers dieser Welt in Reviews, Interviews und Artikeln und Blogposts gefeiert werden, während Botany Bay nach 15 Jahren, nach „Grounded“, nach „I’ll send a postcard when I’m there“, nach „Stupid Summer Dreams“ und nach „No Excuse“ immer noch niemand kennt.

Und jetzt reicht es.

Es ist genug. Ich will diese Familientradition nicht fortsetzen. Ich will nicht so enden, das wäre einfach fürchterlich, und deshalb kann es so nicht weiter gehen.

Was wird also passieren?

Wir werden das nächste Album nur für uns aufnehmen.

In unserem Tempo, auf unsere Art und Weise. Nicht für irgend ein Publikum, nicht um irgendjemandem irgendwas zu beweisen, nicht für irgendwelche Top-Ten-Listen, nicht für Likes und nicht für Facebook-Shares und Youtube-Klicks.

Für uns.

Bei früheren Produktionen (und bei „No Excuse“ auf ganz extreme Art und Weise) haben wir den Fehler gemacht, die Musik auf radiotauglich zu trimmen, die Leute nicht zu sehr zu verwirren, keine Experimente und Risiken einzugehen und alles nach dem Motto Botany-Bay-aber-trotzdem-so-kommerziell-wie-möglich zu machen. Teilweise mit einem irrsinnigen Aufwand.

Diesen Ansatz werde ich nicht weiter verfolgen, nie wieder.

Es klingt vielleicht sehr nach Gemeinplatz, aber mir ist letztes Jahr sehr deutlich bewusst geworden, dass das Leben sehr kurz ist, und dass es sehr schnell vorbei sein kann. Wenn das meine vorbei ist, dann möchte ich auf keinen Fall das Gefühl mit ins Grab nehmen, dass meine Musik so viel mehr verdient gehabt hätte und dass die Welt beschissen und ungerecht zu mir war.

Viel mehr möchte ich die Gewissheit haben, dass ich ganz einfach das beste und schönste gemacht habe, was ich tun konnte; dass ich meine Freude daran hatte, und dass ich die Leute, denen es gefällt, damit glücklich gemacht habe.

Und das wird funktionieren, ich weiss es.

Ich weiss es, weil es für „Some Moments“ (das Lied, das wir für meinen Vater aufgenommen haben) bereits funktioniert hat: Der Song ist ungehobelt, roh und zerbrechlich, er hat in der Mitte einen dissonanten Bruch, er hat auf Jamendo nur drei Rezensionen, er hat so gut wie keine Downloads, und das alles ist mir vollkommen scheißegal. Es ist einer der besten Songs, die wir je aufgenommen haben, und einer, mit dem ich sehr, sehr glücklich bin. Und ganz nebenbei lieben ihn diejenigen wenigen, die sich auf ihn einlassen.

Es wird Zeit brauchen, auf diesem Pfad weiter zu gehen. Wir werden uns neu sortieren müssen, und wir werden lernen müssen, uns auf diesem Pfad zu orientieren. Aber wir werden es schaffen.

Im Moment ist bei keinem von uns die Energie dafür da… ich bin nicht der einzige in der Band, der sein Bündel zu tragen hat – irgendwie war das zweite Halbjahr 2012 einfach für uns alle aus ganz verschiedenen Gründen ganz enorme Oberscheiße.

Darum hier ab jetzt keine Deadlines und keine ungefähren Zeitangaben mehr… es ist fertig, wenn es fertig ist, und es wird schön sein, es wird genau so sein, wie es sein muss; es wird so gut sein dass es egal sein wird ob es jemand hört oder nicht. Für Leuten-Gefallen-Wollen-Spielchen ist das Leben viel zu kurz.

Vielleicht werde ich sogar vergessen, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wenn es soweit ist. Das wäre sozusagen mein Maximalziel (⇐ oberbescheuertes Wort).

Apropos No Excuse…: Machen wir uns nichts vor, das Experiment, bewusst keine CC-Lizenz zu verwenden, das Ding kostenpflichtig zu machen und einen richtigen Promoter zu beauftragen, ist nicht geglückt. Im Gegenteil, es hat bedauernswerte Kreaturen aus dem Keller hochgelockt, die besser dort geblieben wären.

Aus diesem Grund, und weil es u.U. eine ganze Weile dauern wird, bis sich hier irgend etwas neues ergibt, stellen wir mit sofortiger Wirkung „No Excuse“ unter BY-NC-ND-Lizenz (Ausnahmen: Die Remixes; diese haben ihre eigenen Lizenzen). Es darf ab sofort zu den Bedingungen dieser Lizenz frei kopiert und verteilt werden, und ihr dürft es auch gern in euerem Podcast spielen.

 

Viel Spaß damit. Wir sehen und hören uns in der Zukunft.